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Italien: Riesenprozess gegen Hauptstadtmafia

Verfasst: Fr, 6. Nov. 2015, 03:10
von Salva
Donnerstag, 05.11.2015 – 19:00 Uhr

Mafia-Prozess in Italien: "Die Stadträte müssen unseren Befehlen folgen"

Bild nicht mehr vorhandenMassimo "der Schwarze" Carminati
In Italien hat ein Riesenprozess gegen die Hauptstadtmafia begonnen: 250 Zeugen sollen gehört werden, 46 Angeklagte stehen vor Gericht. Im Mittelpunkt steht Massimo "der Schwarze" Carminati, selbsternannter König von Rom.
"Die Stadträte müssen unseren Befehlen folgen", maßregelt ein Mann seinen Gesprächspartner in breitem römischen Dialekt. "Wieso sollte ich also deinen Befehlen folgen? Ich bezahle dich, leck mich am Arsch!" Womit die Verhältnisse geklärt wären.

Es spricht Massimo Carminati, Chef der berüchtigten "Mafia Capitale", Hauptangeklagter in einem Prozess, der nun in Italien begonnen hat. Die Carabinieri haben das Telefonat aufgezeichnet, es ist eine von Tausenden Aufnahmen, die als Beweismittel vorliegen und von italienischen Medien publiziert wurden.

Das Verfahren gilt schon jetzt als "die Mutter aller Prozesse": Der römischen Hauptstadtmafia soll das Handwerk gelegt werden. 46 Angeklagte stehen vor Gericht, sie müssen sich wegen Bildung einer mafiösen Vereinigung, Korruption, Wucher, irregulärer Auftragsvergabe oder Erpressung verantworten.

Allein die Liste der 250 Zeugen nimmt sich aus wie das Who is Who der Hauptstadt, es sind Minister darunter, Staatssekretäre, Präfekten, Stadträte, Richter und Unternehmer.

136 Verhandlungstage, drei bis vier Sitzungen pro Woche hat die Vorsitzende Richterin Rosanna Ianniello angesetzt - eine ehrgeizige Agenda, die schon vor Beginn des Prozesses von den Verteidigern boykottiert wurde. Sie kündigten an, ab kommende Woche mehrere Tage zu streiken. Verzögerungstaktik ist also angesagt, bei den in der Regel ohnehin grotesk langen Prozessen in Italien kein gutes Zeichen.
Bild nicht mehr vorhandenGroßer Andrang zum Prozessauftakt in Rom
Die "Geschäftsfelder", in denen die "Mafia Capitale" und ihre Helfer in Politik und Verwaltung tätig waren, sind klassisch korruptionsanfällige Bereiche wie Müllentsorgung, Straßenbau und öffentliche Ausschreibungen. So wurde ausgerechnet der Auftrag für die Restaurierung des römischen Gemeinderatssaals auf dem Kapitol an ein mit der Mafia assoziiertes Unternehmen vergeben - es sollen jede Menge Schmiergelder geflossen sein.

Fette Gewinne mit Flüchtlingen und Alten

Doch auch neuere Marktsegmente sind für die Mafia interessant: Altenheime und Flüchtlingsunterkünfte etwa. "Hast du eine Ahnung, was man mit Migranten verdienen kann, na?", fragte der ebenfalls angeklagte Salvatore Buzzi einen Bekannten. "Der Drogenhandel bringt weniger", so die Antwort.

Dazu könnte eventuell auch Luca Odevaine etwas sagen. Das Ex-Mitglied der nationalen Koordinationsgruppe für Asylsuchende war bereits elf Monate in Haft und steht jetzt unter Hausarrest. Er muss sich wegen schwerer Korruption im Zusammenhang mit dem sizilianischen Flüchtlingszentrum Cara di Mineo verantworten. Die "Mafia Capitale" soll über Firmen Auffangzentren in mehreren Regionen Italiens betrieben haben, auch das europaweit größte in Mineo.

Odevaine sagte zu Journalisten: "Ich stehe zu meiner Verantwortung, was Geldzahlungen betrifft und arbeite mit dem Gericht zusammen. Ich habe Fehler gemacht." Aber er habe nichts mit Carminati zu tun, und es gebe in Rom auch kein mafiöses System, das die Stadt verwalte. "In Rom lässt man die Dinge schleifen."

Schon bevor der Prozess richtig begonnen hat, scheinen also die üblichen Reflexe zu greifen: Leugnen, Verschleppen, Verzögern. Wer sind die Protagonisten in dem "Maxi-Prozess"?
Bild nicht mehr vorhandenMassimo Carminati, Ex-Neofaschist und mutmaßlicher Mafioso, bei seiner Verhaftung 2014
Spiegel