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1965 | Mühlheim a.d. Ruhr | Luise Stöcker (56) ermordet

Ungeklärte Fälle im Focus.
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1965 | Mühlheim a.d. Ruhr | Luise Stöcker (56) ermordet

#1

Ungelesener Beitrag von Salva » Di, 20. Jan. 2015, 21:00

Der “Taschentuchmord”

Am Morgen des Dienstag, den 30. März 1965, erscheint die 56-Jährige Volksschullehrerin Luise Stöcker aus Mülheim an der Ruhr nicht zum Unterricht an ihrer Schule im Stadtteil Broich. Das Fernbleiben der sonst sehr zuverlässigen Frau - sie hat in den 20 Jahren, die sie an dieser Lehranstalt arbeitet, an keinem einzigen Tag gefehlt - macht den Schulleiter sofort misstrauisch. Die gerufene Polizei findet Luise Stöcker tot in ihrem Badezimmer auf, sie wurde mit einer vollen Flasche Wasser niedergeschlagen und dann erwürgt. Diese Tat ist bis heute ungeklärt.

Bild


Video: Mord an Luise Stöcker aus Mülheim an der Ruhr

Montag, der 29. März 1965
Luise Stöcker (geb. am 18. Mai 1909) war vormittags wie üblich in der Evangelischen Volksschule an der Bülowstraße, an der sie bereits seit dem 1. April 1946 als Lehrerin tätig ist. Nach dem Unterricht an diesem Tag macht sie noch einige Erledigungen in der Stadt. Gegen 17.30 Uhr kommt sie nach Hause. Hier gehört es zu einem festen Ritual, dass sie sich Abends noch eine Kanne Kaffee kocht. In der Vorbereitung dieses Kaffees muss Luise Stöcker gestört worden sein. Die Spuren, die die Kriminalpolizei später bei ihren Ermittlungen an der Großenbaumer Straße 55 findet, deuten nicht auf einen Raub- oder Sexualmord hin. Am 30. März gibt der zuständige Staatsanwalt Teschke der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung sogar zu Protokoll, dass es sich bei diesem Todesfall lediglich mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% um einen Mord handele. Erst die Obduktion am Tag darauf bringt die Gewissheit, dass Luise Stücker erdrosselt wurde. Der Mörder muss im engeren Umfeld der Getöteten zu finden sein: Luise Stöcker hat ihm scheinbar selbst die Tür geöffnet. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stehen zwei Gläser und mehrere Flaschen. Ansonsten erscheint es so, als habe jemand versucht Spuren zu verwischen; so befinden sich zwar Aschereste im Aschenbecher, etwaige Zigarren- oder Zigarettenstummel sind aber nicht auffindbar. Die Rolläden sind mit einer Ausnahme heruntergelassen, in der Wohnung brennt aber keinerlei Licht. Neben der Toten finden die ermittelnden Beamten zwei Taschentücher: eines davon kann zweifelsfrei der Lehrerin zugeordnet werden und auch bei dem anderen mit den aufgestickten Initialien M.M. geht die Polizei 1965 davon aus, dass es nur Frau Stöcker benutzt habe. Erst 10 Jahre später kann mit damals neueren wissenschaftlichen Methoden eine Spur der Blutgruppe A am Taschentuch nachgewiesen werden. Da Luise Stöcker Blutgruppe 0 besaß muss also außer ihr noch jemand anderes das Tuch benutzt haben.

Auch sonst gestalten sich die Nachforschungen der Polizei schwierig. Luise Stöcker war unverheiratet, hatte aber einen recht lebhaften Bekanntenkreis. In der WAZ vom 17. April 1965 bezeichnen ihn die zuständigen Beamten als “fast unübersehbar groß”. Am 3. April 1965 – zwei Tage vor Luise Stöckers Beisetzung auf dem Broicher Friedhof unter großer Anteilnahme von Kollegen und Schülern – lässt die Kriminalpolizei Plakate mit der Aufschrift “MORD” und einigen wichtigen Fragen an die Bevölkerung in ganz Mülheim, Essen, Kettwig, Oberhausen und Duisburg aushängen. Daraufhin erhöht sich die Anzahl der zu bearbeitenden Spuren, rund 2 Wochen nach der Tat haben 100 Hinweise die Polizei und den leitenden Oberkommissar Thewissen erreicht. Vor Luise Stöckers Tod soll laut Zeugenaussagen immer wieder derselbe weiße Wagen gesehen worden sein, vermutlich ein Renault Dauphine, der auch am Tag des Mordes in Fahrtrichtung Stadtmitte an der Großenbaumer Straße 55 abgestellt war. Besitzer soll ein etwa 40 Jahre alter Mann sein. Auch aus dem Privatleben kommen mehr und mehr Details zutage. Während die Lehrerin in ihrem Arbeitsalltag sehr auf Ordnung und Disziplin bedacht war, wurde das Wort Ordnung “in ihrer Wohnung nicht groß geschrieben” – so wird es später im XY-Filmfall bezeichnet. Die unordentliche Wohnung, auf welche die Kripo bei ihren Ermittlungen stieß, schien genau so wenig zu der resoluten Frau zu passen, wie eine recht große Menge an Zigaretten und Alkohol. Am Abend ihres Todes hatte Frau Stöcker aber nicht viel Alkohol getrunken, die kriminalbiologische Untersuchung der Leiche ergab eine Blutalkoholkonzentration von 0,12‰.
Bild
Taschentuch mit dem Monogramm "MM"
Das größte Rätsel, vor welches die Ermittler gestellt wurden, waren allerdings Luise Stöckers Männerbekanntschaften. Die Lehrerin hatte Kontaktanzeigen selbst aufgegeben, aber auch auf solche geantwortet. Die Polizei fand später Briefwechsel mit 26 unterschiedlichen Männern. Die Liebesbriefe, die ihr die Männer geschickt hatten, waren dabei von ihr Korrektur gelesen und mit Zensuren versehen worden.
Die Überprüfung sämtlicher Kontakte brachte die Kriminalpolizei nicht weiter und so konzentrierten sich die Ermittlungen nun verstärkt in Richtung des auffälligen Taschentuchs, welches neben der Toten gefunden worden war.

So auch am 22. April 1977, als der Fall bei Eduard Zimmermann und Aktenzeichen XY … ungelöst ausgestrahlt wurde. Neben einem Foto des Taschentuchs und den Initialien, wurde hier vor allem auf den Zeitraum eingegangen, in welchem das Tuch gefertigt worden sein könnte. Die Beamten kamen zum Schluss, dass das Taschentuch bis Mitte der 50er Jahre verkauft worden war und etwa zur gleichen Zeit – in der dieses noch üblich war – die Initialien eingestickt wurden.

Nach der Ausstrahlung im ZDF kamen einige erfolgsversprechende Hinweise von mehreren Zeugen im Rhein-Ruhr-Gebiet, doch trotz einer Belohnung in Höhe von 5.000 DM war kein entscheidender dabei. So blieb der Fall 1977 – 12 Jahre nach der Tat trotz Ausstrahlung bei Aktenzeichen XY – ungelöst. In der Hörzu 38 / 1977 wurde dann noch einmal über den Fall unter der Überschrift “Starb die Lehrerin, weil sie Männern Zensuren gab?” berichtet, aber auch heute – fast 49 Jahre später – ist der Mord an Luise Stöcker ungeklärt.
Quellen:

Aktenzeichen XY – Filmfall vom 22. April 1977
Friedhelm Werremeier: “Starb die Lehrerin, weil sie Männern Zensuren gab?” Hörzu 38/1977
Westdeutsche Allgemeine Zeitung Jahrgang 1965, Ausgaben Nr. 76-79, 81, 83, 90
Der Aktenzeichen XY-Blog (http://www.blogxy.de/?p=1008)
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#2

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Di, 19. Mai. 2020, 12:37

Salva hat geschrieben:
Di, 20. Jan. 2015, 21:00
Luise Stöcker (geb. am 18. Mai 1909) war vormittags wie üblich in der Evangelischen Volksschule an der Bülowstraße, an der sie bereits seit dem 1. April 1946 als Lehrerin tätig ist.
Da war sie 36. 1933 war sie 24 und könnte gerade eine Lehrerausbildung abgeschlossen haben. Was hat sie bis 1946 getan ?
Gibt es da einen Ansatz ? Rache eines verschmähten Liebhabers ?

Aber auch die Racheaktion eines ehemaligen Schülers wäre denkbar.
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#3

Ungelesener Beitrag von Salva » So, 6. Jun. 2021, 14:15

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1965 | Mülheim a.d. Ruhr | Luise Stöcker (56) ermordet

#4

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Mo, 7. Jun. 2021, 10:29

Zuerst eine Kleinigkeit: Es heißt Mülheim a.d. Ruhr, nicht Mühlheim -> habe ich im Titel geändert
Ich habe mal versucht, Verbindungen zwischen Mülheim und Stöcker herzustellen.

1.
ZEITZEICHEN 7. März 1938: Ankauf von Schloss Broich durch die Stadt

"Schloß Broich und Priesterhof öffentliche Anlagen" verkündete am 5. März 1938 in dicken Lettern die Mülheimer Zeitung. Tatsächlich erfolgte der offizielle Ratsherrenbeschluss zum Erwerb der Gebäude erst zwei Tage später. Beide Objekte befanden sich bis zu diesem Zeitpunkt in privater Hand: Schloss Broich war im Besitz der Stöckerschen Erben.........
Im Jahr 1857 erwarb der Mülheimer Kaufmann Eduard Stöcker, ein Schwiegersohn des letzten Schlossverwalters Johann Bilger, die Anlage für 335.000 Taler bei einer öffentlichen Versteigerung des fürstlichen Nachlasses. Er ließ die bestehenden Gebäude renovieren und fügte für sich selbst als Wohnsitz einen neuen Bau hinzu - die sogenannte "Stöckersche Villa".

Die folgenden Jahrzehnte hindurch war der Erhaltungszustand des Schlosses konstant gut. Vor allem das Palasgebäude wurde von Eduard Stöcker und seinen Erben als Wohnraum an Privatpersonen vermietet und dementsprechend gepflegt. Mülheimer Honoratiorenfamilien hatten über Generationen hinweg dort ihren Wohnsitz und bezahlten notwendige Reparaturen teilweise aus eigener Tasche. Schloss Broich galt als eine vornehme Adresse, die man zu schätzen wusste. Mit dem Erwerb des Besitzes durch die Stadt Mülheim am 7. März 1938 fand diese Nutzung ihr Ende. Nach dem Auszug der letzten Mieter diente Schloss Broich während und nach dem Kriege obdachlosen Familien noch vorübergehend als Notunterkunft, bevor es schließlich grundlegend renoviert und einer ausschließlich öffentlichen Nutzung zugeführt wurde.
https://www.muelheim-ruhr.de/cms/7_maer ... stadt.html

In Verbindung mit dem Datum 1938 sieht das schon sehr nach einem erzwungenen Verkauf seitens der Stöckerschen Erben aus.

Ob der Vater von Luise Stöcker zu den Stöckerschen Erben gehörte , ist nicht bekannt.

Die Elektrogroßhandlung Stöcker & Reinshagen war 1899 in der Hingbergstraße in Mülheim als Familienbetrieb von Julius Stöcker und Ernst Reinshagen gegründet . (Dort war Otto Beisheim mal Prokurist).

Julius Stöcker könnte der Vater von Luise Stöcker gewesen sein.
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1965 | Mühlheim a.d. Ruhr | Luise Stöcker (56) ermordet

#5

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Mo, 7. Jun. 2021, 10:54

Luise Stöcker wurde 1909 geboren.
Auch wenn sie weder zu den Stöckerschen Erben noch zu Julius Stöcker gehört haben sollte, hat sie von ihrer Mutter ein Mietshaus geerb. Also gut bürgerliche Herkunft.
Ich vermute mal, Luise Stöcker hat mit 21 Jahren ein Abitur gemacht und danach eine Ausbildung zur Lehrerin begonnen.
Was folgte dann ?
Eventuell 1932/33 hatte sie die Lehrerausbildung abgeschlossen.
Durfte sie nach dem antisemitischen "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" nicht Lehrer werden, weil ein Großelternteil jüdisch war ?
Wo hat sie dann gearbeitet ?
Oder hatte sie keine jüdischen Vorfahren und war in einer faschistischen Organisation tätig ?
Auch ihr Privatleben ist seltsam.
Damals versuchten Frauen fast immer Ehepartner zu finden.
War sie verlobt und der Verlobte ist im Krieg geblieben ? Und weil er vermisst war, hat sie zu lange gewartet ?
1946 wurde sie mit 36 Jahren Volksschullehrerin. Da war sie nach damalige Auffassung schon fast eine "Alte Jungfer".
Wenn sie noch einige Jahre in der Hoffnung gewartet hatte, dass ein eventueller Verlobter zurückkehrt, war es für eventuelle Kinder schon zu spät. Bei 5,3 Millionen gefallener Deutscher im 2. Weltkrieg gab es "Männermangel".

Die Auschwitzprozesse waren die ab 1963 in der Bundesrepublik Deutschland geführten Gerichtsverfahren zur juristischen Aufarbeitung des Holocausts, insbesondere der NS-Verbrechen im KZ Auschwitz. Danach folgten andere Verfahren.
War Luise Stöcker vielleicht eine gefährliche Zeugin ?

Mein Vorschlag wäre, sich den Lebenslauf der Luise Stöcker zwischen 1932 und 1946 anzusehen , ob es dort ein Mordmotiv geben könnte.
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