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2003 | Wiesbaden/Erbenheim | Jeremiah Duggan, † 22: doch kein Selbstmord?

Ungeklärte Fälle im Focus.
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2003 | Wiesbaden/Erbenheim | Jeremiah Duggan, † 22: doch kein Selbstmord?

#1

Ungelesener Beitrag von Salva » Mo, 22. Feb. 2016, 18:31

Ein Fall, bei dem die Polizei schnell auf Suizid schloss, während die Recherchen der Mutter des Toten zu einer rechten Politsekte führten:

Der inzwischen wieder ungeklärte und 2015 neu aufgerollte Todesfall des britischen Studenten Jeremiah Duggan
Bild nicht mehr vorhandenJeremiah Duggan, † 22
Der junge Mann wirkte verstört, als wäre er auf einem Drogentrip. Er ruderte hastig mit den Armen, rannte auf die Strasse, ohne auf den Verkehr zu achten. So schilderten Zeugen es später. Ein Peugeot konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen, rammte ihn auf der Fahrbahn. Dann überrollte ein VW Golf den Mann.
Jeremiah Duggan, 22, starb am 27. März 2003, 6.10 Uhr in einem Wiesbadener Gewerbegebiet auf der Bundesstrasse B455.

Der Tote hatte einen britischen Pass und studierte Literatur in Paris. Was in aller Welt trieb den jungen Mann an einem nasskalten Märzmorgen dazu, sich 550 Kilometer von Paris entfernt ohne ersichtlichen Grund in den einsetzenden Berufsverkehr zu werfen?

Für die Polizei war die Sache damals klar: Duggan muss psychisch labil gewesen sein. Suizid. Jeremiahs Mutter sah das von Beginn an anders. Sie berichtete von einem panischen, angsterfüllten Anruf ihres Sohnes, gerade mal eine Dreiviertelstunde vor dessen Tod. Die Wiesbadener Ermittler aber massen dem Hinweis der Mutter keine grosse Bedeutung bei. Die Akte Duggan wurde bereits zweieinhalb Monate nach jenem Märztag geschlossen.

Ermittlungen gegen zwei Verdächtige

Inzwischen wissen auch die hessischen Kripobeamten, dass ihre Suizid-Diagnose womöglich voreilig war: Zwölf Jahre nach Duggans Tod liegen der deutschen und britischen Justiz eine ganze Reihe von Indizien für eine Straftat vor. Und alle führen zu einer obskuren Politsekte.

Nach den bisherigen Erkenntnissen spricht einiges dafür, dass Duggan erst geschlagen und dann auf die Strasse gehetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen zwei namentlich bekannte Personen – einen Franzosen und einen Deutschen – wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. Sie sollen Anhänger der sogenannten LaRouche-Bewegung sein, einer internationalen rechtsextremen Gruppierung von Weltverschwörungsaposteln.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler wollte sich der Literaturstudent Jeremiah Duggan in Paris gegen Bush und die Bomben auf Bagdad engagieren. Er geriet an Aktivisten, die sich um die Zeitung "Nouvelle Solidarité" gruppierten. Sie redeten über Solidarität, Humanismus und Kultur, das sprach den wachen und politisch interessierten Feingeist an.

Was Duggan offenbar nicht wusste: "Nouvelle Solidarité" ist einer der vielen wohlklingenden Namen, mit denen sich eine obskure Politiksekte schmückt, deren selbst ernannter Führer Lyndon LaRouche ist, ein heute 92-jähriger Verschwörungstheoretiker aus den USA. In Deutschland fungiert sie unter dem Namen BüSo, Bürgerrechtsbewegung Solidarität, angeführt von LaRouches Ehefrau Helga Zepp-LaRouche.

LaRouche sieht sich als Opfer einer Verleumdungskampagne

Die LaRouche-Bewegung, so der Berliner Antisemitismusforscher Günther Jikeli, sei immer wieder "durch antisemitische Verschwörungstheorien aufgefallen". Sie greife immer wieder aktuelle Themen auf, verbinde sie mit Untergangszenarien und erkläre sie mit angeblichen dunklen Machenschaften insbesondere der Wall Street, des britischen Königshauses und jüdischer Persönlichkeiten.

Das geistige Zentrum in Deutschland nennt sich Schiller Institut und veranstaltet regelmässig Konferenzen und Symposien. Wie im März 2003 zum Irakkrieg im hessischen Bad Schwalbach. Duggan war extra aus Paris angereist. Und auch nach der Konferenz blieb er in Hessen, in den Wiesbadener Räumen der LaRouche-Bewegung. Duggan sollte als Mitglied rekrutiert werden, so zumindest sagten es Zeugen später aus. Demnach wurde er intensiv befragt und dabei psychisch massiv unter Druck gesetzt. "Freak Out" nennen sie diesen Teil der Rekrutierung innerhalb der LaRouche-Bewegung.

Der Student soll sich dabei zum Judentum bekannt und eingeräumt haben, als Kind an einer Therapie in der Tavistock-Klinik teilgenommen zu haben. Diese psychotherapeutische Einrichtung in London gilt – warum auch immer – LaRouche und seinen Jüngern als ein Hort der Manipulation: Dort finde "Gehirnwäsche" statt im Auftrag der Weltverschwörer aus US-Geheimdiensten, Umweltschützern und dem britischen Königshaus.

Duggan soll danach drangsaliert, als "Verräter" und "Spion" beschimpft und geschlagen worden sein, berichten Zeugen. Die Peiniger sollen dabei jene Männer gewesen sein, die von der Staatsanwaltschaft Wiesbaden inzwischen verdächtigt werden, Duggan – wenn auch nicht vorsätzlich – letztlich in den Tod gehetzt zu haben. Die Beschuldigten schweigen bisher. Die LaRouche-Bewegung weist jeden Verdacht von sich, mit dem Tod des Engländers etwas zu tun zu haben. Sie sieht sich als Opfer einer "eindeutig politisch motivierten, ausländisch gesteuerten Verleumdungskampagne".

Die Recherchen der Mutter

Es war nicht die hessische Polizei, sondern Duggans Mutter Erica, die in jahrelanger Recherche die Zeugenaussagen zusammengetragen hat. Letztlich überzeugte sie die Gerichte. Am 14. Dezember 2012 ordnete das Oberlandesgericht Frankfurt die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Es liege ein Anfangsverdacht für eine Körperverletzung mit Todesfolge vor. Schliesslich kam Ende März dieses Jahres ein Gericht in London zu dem Schluss, dass der Körper von Jeremiah Duggan "eine Reihe von unerklärlichen Verletzungen" aufgewiesen habe, die nicht von den tödlichen Kollisionen mit den Autos stammen könnten.

Der Richter des Coroner Court, der über ungeklärte Todesfälle befindet, äusserte sich in seinem knappen Beschluss auch zu den möglichen Hintergründen von Duggans Tod: "Die Methoden der rechtsextremen Organisation" sprächen dafür, dass Duggan als "Risiko für Mitglieder der Organisation" angesehen worden sei.
watson

Bild nicht mehr vorhandenErica Duggan, Jeremiah's Mutter

Der Fundort
Bild nicht mehr vorhandenQuelle: Bild


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Die vermutete Laufstrecke von der Unterkunft bis zum Unfall- bzw. Fundortort.

Aus einem interessanten Bericht der Jüdische Allgemeine:
Neuprüfung
In Wiesbaden hat die Familie (Duggan) ebenfalls eine sogenannte Ermittlungserzwingung erreicht, bei der die Staatsanwaltschaft vom Oberlandesgericht aufgefordert wurde, die Ermittlungen erneut zu prüfen. Jedoch beauftragte die Staatsanwaltschaft mit der Neuprüfung denselben Beamten, der vor zwölf Jahren "Selbstmord" auf die Akte Duggan schrieb.

Hugo Duggan fasst die Erfahrungen, die er über viele Jahre mit den deutschen Ermittlungsbehörden gemacht hat, mit den Worten "zäh, kalt, unkooperativ, langsam und immer wieder voller Fehler" zusammen. Er erzählt, wie sogar Standarddokumente falsch ausgefüllt und abgeschickt wurden. Woran es auch liege, Inkompetenz oder Absicht, es sei alles sonderbar. Der Rechtsextremismusexperte Matthew Feldman erklärt sich die Untätigkeit der Behörden anders: Jeremiah Duggan kam in genau jener Zeit ums Leben, als auch die NSU-Morde geschahen.
"... nicht die geringste Spur von Blut, Gewebe oder Kleidung auf den beiden Autos... Auch auf der Fahrbahn sei keinerlei Blut oder menschliches Gewebe zu finden..."
WAZ
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Re: 2003 | Wiesbaden/Erbenheim | Jeremiah Duggan, † 22: doch kein Selbstmord?

#2

Ungelesener Beitrag von Salva » Mi, 24. Feb. 2016, 15:33

Eine weitere Quelle mit interessanten Darstellungen des Falls vom 19.05.2014:
Indizien weisen darauf hin, dass der junge britische Jude auf der Flucht vor der LaRouche-Sekte war. Doch die Staatsanwälte blockieren die Ermittlungen.
...
Berlin. Bei der Europawahl am Sonntag steht auch die Bürgerrechtsbewegung Solidarität, abgekürzt BüSo, zur Wahl. Es ist eine Tarnorganisation der LaRouche-Bewegung, einer Politsekte von Verschwörungstheoretikern und Antisemiten. Auf Listenplatz 16 kandidiert die Französin Elodie Viennot. Sie ist eine wichtige Zeugin in den seit elf Jahren laufenden Ermittlungen um den Tod des jungen Briten Jeremiah Duggan in Wiesbaden, die inzwischen alle Anzeichen eines Justizskandals tragen.

Dazu zählt, dass diese Zeugin bis heute nicht vernommen wurde, unter anderem, weil die deutsche Polizei angeblich ihre aktuelle Adresse nicht herausfinden konnte. Ein Anruf beim Bundeswahlleiter könnte helfen. Es ist nur ein Detail in einer ganzen Liste unglaublicher Vorgänge einer Ermittlungstätigkeit der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, die nach dem Urteil der beteiligten Anwälte „an Schlampigkeit ihresgleichen sucht und insbesondere für ein Todesermittlungsverfahren beschämend ist“. Das sind fast milde Worte angesichts einer Geschichte, die einen auch an gezielte Vertuschung und Verschwörung glauben lassen könnte.
Und noch mehr in diese Richtung bei MZ
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#3

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Mo, 8. Jun. 2020, 22:10

Die LaRouche-Bewegung ist nicht ganz richtig als rechte Sekte dargestellt.
LaRouche war ein Gegner des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems, dem er einen baldigen Zusammenbruch voraussagte. Als Alternative propagierte er ein „neues Bretton-Woods-System“ mit festen Wechselkursen, eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine Reihe von Technologieprojekten. Er hielt unter anderem massive Investitionen beispielsweise zur Erweiterung der Neuen eurasischen Kontinentalbrücke für notwendig. LaRouche war ein Verschwörungstheoretiker, der die Gegner seiner Bewegung etwa in der Bank of England, dem Club of Rome und vielen Einzelpersönlichkeiten sah, die Teil einer weltweiten Verschwörung sein sollen, deren Aktivitäten gegen das Leben, gegen Wachstum und gegen Wissenschaft und Fortschritt gerichtet sind. Für Terrorismus, Kriege, Aids und andere Übel machte LaRouche jeweils aktuelle weltverschwörerische Zentren verantwortlich, die er beliebig variierte.

LaRouche war nach herkömmlichen Maßstäben politisch schwer einzuordnen, da er seine politische Ausrichtung mitunter schlagartig um 180 Grad änderte. Sein Vorschlag zur Errichtung eines neuen Bretton Woods wies einige Parallelen zur globalisierungskritischen Linken auf. Dennoch stieß seine Bewegung dort auf Ablehnung, unter anderem aufgrund seiner Begeisterung für die zivile Nutzung der Kern- und Fusionsenergie, insbesondere für den Typus des Kugelhaufenreaktors (Pebble Bed Modular Reactor, PBMR), welcher mit der Möglichkeit der Herstellung von relativ reinem Uran-233 ein Proliferationsrisiko darstellt.

Die „LaRouche-Bewegung“ gilt mindestens bis 1994 auf dem Sektor der weltverschwörungstheoretischen Feindbildpflege in der rechten Szene als tonangebend. Dabei wurden die Feindbilder häufig gewechselt. Anfang bis Mitte der 1970er Jahre waren es noch die CIA und Rockefeller. Ende der 1970er Jahre waren es die Briten, Freimaurer, Zionisten, ein schwarzer internationaler Adel. Und während man mit der Reagan-Administration sympathisierte, wurden der KGB und ein russisches „Drittes Rom“ zum Feindbild ausgerufen. Schließlich verwarf man den US-Kurs wieder und erklärte die CIA und eine geheime Nebenregierung der USA zum Feind. Die „LaRouche-Organisation“ ist streng hierarchisch organisiert, und alle Lebensbereiche der Anhänger des harten Kerns werden kontrolliert. Berufliche Fortbildung, Betätigung außerhalb der Bewegung und Urlaube sind verpönt. Seit den Gründungstagen herrscht in der Gruppe eine ausgeprägte Sicherheits-Paranoia. Anfang der 1980er Jahre sorgte LaRouche dafür, dass sich in seinem Begleitkonvoi immer mindestens acht bewaffnete Bodyguards befanden, die angewiesen wurden, sofort das Feuer zu eröffnen, sobald ein Fremdfahrzeug versuchte, in den Konvoi einzudringen. Nach Aussage von LaRouche tarnten sich seine Sicherheitsleute aus Sicherheitsgründen u. a. als Reporter.

In den 1980ern war LaRouche Mitgründer der Initiative “Prevent AIDS Now Initiative Committee (PANIC)”. Es wurde in Kalifornien neben einer Verbesserung von sanitären Anlagen unter anderem die Ausrufung des Ausnahmezustandes gefordert. Von Medizinern wurden die Vorschläge kritisiert, da diese Ängste in der Bevölkerung schürten und wenig zur Prävention beitrügen.

Die Gruppe sympathisierte mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Zum damaligen Regime des Irak bestanden bereits Mitte der 1970er Jahre Kontakte. Mit Beginn der 1990er Jahre solidarisierte man sich mit Islamisten. Es gab Verbindungslinien von der „LaRouche-Gruppe“ zum islamisch-fundamentalistischen Regime von Umar al-Baschir und zur militant antisemitischen Gruppierung Nation of Islam (NOI) von Louis Farrakhan. Während des zweiten Golfkrieges kooperierte man erneut mit dem Irak, und LaRouche-Vertraute besuchten regelmäßig den Irak. Den Irakkrieg 2003 lehnte LaRouche ab, jedoch nicht wegen einer Ablehnung von Imperialismus, sondern weil der Irakkrieg laut LaRouche das Ziel hatte, die US-Wirtschaft zu schädigen.

Was aber ganz seltsam wirkt:

Der Journalist Jörg-R. Mettke thematisierte im Spiegel-Artikel vom 5. März 1984 mit der Überschrift „Wahn-GmbH und Co. KG“, die Rolle von Anno Hellenbroich, dem damals 2. stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Europäischen Arbeiter-Partei und zugleich Geschäftsführer des organisationseigenen Magazins Executive Intelligence Review, sowie dessen Bruder Heribert Hellenbroich, der von 1983 bis 1985 Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz und 1985 Präsident des BND war.
Nach dem Ende seiner Nachrichtendienstkarriere übernahm Heribert Hellenbroich die Leitung des Sicherheitsdienstleisters Industrie- und Handelsschutz GmbH (IHS) in Frankfurt am Main (heute Wisag).
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