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1992-2006 | Dresden |Mario Mederake | Gewalt- u. Sextäter

Taten, Profile und Opfer.
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Duchonin
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1992-2006 | Dresden |Mario Mederake | Gewalt- u. Sextäter

#1

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Mi, 27. Okt. 2021, 11:45

Der Fall zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus:

1. Der IQ des Täters von 138

2. Der schweren Persönlichkeitsstörung des Täters mit paranoiden und schizoiden Zügen

3. mehrfaches Versagen der Polizei und Staatsanwaltschaft

4. Unfähigkeit einer Psychologin

Der letzte Fall war die Entführung, Freiheitsberaubung und der 100-fache sexuelle Mißbrauch an der 13-jährige Stephanie Rudolph.

»Willst du mich umbringen?«
Fünf Wochen befand sich die 13-jährige Stephanie Rudolph aus Dresden in der Gewalt eines Sextäters - jetzt erzählt sie zum ersten Mal über ihr Martyrium und einen Mann, der jahrelang Frauen quälte. Von Jürgen Dahlkamp und Andreas Wassermann
Von Jürgen Dahlkamp und Andreas Wassermann
10.09.2006, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 37/2006

So lief das also. So lief das, wenn einer versuchte, den Mario zu stoppen, ihren Ex-Freund, den Mann, den sie nun endlich bei der Polizei angezeigt hatte. Die junge Frau starrte auf den Brief, Absender: »Staatsanwaltschaft Dresden«, darunter ein paar dürre Zeilen. Sie las, las es noch mal, aber begreifen konnte sie es trotzdem nicht: »Ich habe das Verfahren eingestellt, da kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht.« Hochachtungsvoll, Müller, Staatsanwalt, verfügt am 16. März 1992.
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Kein öffentliches Interesse? Drei Monate zuvor hatte Mario M. vor ihrer Tür gestanden, der Mann, vor dem sie weggelaufen war. »Mach offen«, hatte der Mario gesagt, »ich komm sowieso rein.« Und dann? Hatte er nicht die Tür eingetreten, einen Wäscheständer nach ihr geworfen, sie an den Haaren hinter sich hergerissen? Hatte er denn nicht sogar mit einem Gasrevolver auf sie geschossen, zweimal? Mario aber behauptete, dass das alles nie passiert sei. Und dieser Brief, sagte der jetzt nicht das Gleiche?

Damals, im März 1992, beschloss das erste Opfer des Mario M., dass es nur einen Schutz vor ihm gab: wegzulaufen.

Sein letztes Opfer aber konnte nicht weglaufen: Im Januar dieses Jahres fing derselbe Mario M. die 13-jährige Stephanie Rudolph auf dem Weg zur Schule ab. Er steckte sie in eine Holzkiste und schleppte sie in seine Wohnung im Dresdner Stadtteil Striesen. Er sperrte sie ein, gut fünf Wochen lang. Und am Ende entkam sie nur, weil sie nachts, bei Spaziergängen, heimlich Zettel fallen ließ. Zettel, auf denen mit roten Buchstaben »Hilfe! Hilfe!« stand und in schnörkeliger Mädchenschrift »Es geht um Leben und Tod! Das ist kein Scherz«.

In diesen 36 Tagen missbrauchte Mario M. sie mehr als 100-mal, wie Stephanie nun offenbart. Er arbeitete an ihr seine perversen Sexphantasien ab, als wäre sie eine Gummipuppe, nach einer Liste, die er Kästchen um Kästchen abhakte.
Er zwang sie zu solchen Dingen, wie sie die Frauen in seinen Pornoheften taten, und auch in seinen Hardcore-Videos. »Was soll ich nur machen, lieber Gott?«, verzweifelte Stephanie schließlich in einem der Briefe, die sie heimlich schrieb, für den Fall, dass sie es nicht überleben sollte. »Siehst Du mich nicht leiden? Was muss ich noch alles durchmachen?«
Selbst die Staatsanwaltschaft Dresden erkennt nun ein Interesse an der Strafverfolgung. Mario M. sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Er dürfe »nie wieder raus«, sagt Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Noch im September will seine Behörde Anklage erheben.

Die Entführung der Stephanie Rudolph ist eines der erschütterndsten Verbrechen der vergangenen Jahre, weil etwa der Plan des Täters, sein ganzes Leben mit dem Mädchen zu verbringen, monströs wirkt. Sie ist es aber auch wegen der Fehler, die dazu führten, dass dieser Mario M. überhaupt so weit kommen konnte.
Glaubt man seinen Ex-Freundinnen, trat er bei der ersten die Tür ein, ohne dass sich die Staatsanwaltschaft ernsthaft dafür interessierte. Er vergewaltigte die beiden Nächsten, die sich aber nicht zur Polizei trauten.
Er vergewaltigte eine 14-Jährige und versprach im Gefängnis, wie üblich, Besserung, was ihm eine Gerichtsgutachterin sogar glaubte. Er kam frei, wurde in der Bewährungszeit straffällig, was den zuständigen Richtern aber wegen einer Verzögerung nicht auffiel.
Und auf der Suche nach Stephanie ging die Kripo schließlich so lange falschen Theorien nach, dass sie erst nach drei Wochen zum ersten Mal ganz simpel den Computer nach bekannten Sextätern in der Umgebung abfragte. Und dann auch noch mit dem falschen Stichwort, weshalb der Computer den Namen Mario M. nicht auswarf.

Stephanie will sich die Aussage nicht ersparen, um Mario M. nichts zu ersparen. Deshalb redet sie jetzt erstmals über die Tage des Aushaltens, Stillhaltens, Durchhaltens, deshalb ist sie auf Anraten ihres hannoverschen Nebenklagevertreters Ulrich von Jeinsen und seines Opferrechtsspezialisten Thomas Kämmer auch bereit, es im Prozess zu tun. »Ich habe Angst, ihm noch einmal auf der Straße begegnen zu müssen«, sagt sie, »dieser Mensch muss ins Gefängnis, für immer.« Denn noch größer als die Angst vor der Erinnerung ist die Angst vor einer Zukunft, in der Mario M. sie wiederfinden könnte. So wie er sie meistens wiedergefunden hatte, die Frauen, die ihm entkommen wollten.

Der 11. Januar 2006 ist ein Mittwoch, und er beginnt für Stephanie Rudolph in Dresden-Striesen wie üblich: zu früh. Um zwanzig nach sechs klingelt im zweiten Stock des Einfamilienhauses der Wecker; sie hat jetzt noch 40 Minuten, um aus dem Haus zu kommen, zum Hans-Erlwein-Gymnasium, Schulbeginn 7.30 Uhr, zwei Stunden Deutsch bei Frau Koch.

Nebenan steht auch ihr Vater Joachim Rudolph auf, der eine kleine Pension führt, vier Zimmer unten im Erdgeschoss. Stephanie isst Cornflakes, ihr Vater schmiert ihr ein halbes Brötchen, es passiert in diesen 40 Minuten nichts, was nicht auch an jedem anderen Morgen passieren könnte. Und selbst als die Polizei sich später immer wieder den letzten Morgen schildern lässt, als Joachim Rudolph in jedem Wort, jeder Bewegung seiner Tochter etwa nach Zeichen einer bevorstehenden Flucht suchen soll - es gab einfach nichts.

Warum auch? Seine Tochter eine frühreife Lolita? Sie schminkte sich ja nicht mal, höchstens zu Weihnachten. Eine Ausreißerin? Wenn sie irgendwo eine halbe Stunde länger blieb, rief sie gleich zu Hause an. Und Ärger in der Schule? Das letzte Zeugnis: nur Einser, Zweier, Dreier - da läuft man doch nicht weg.

Morgens um sieben schließt Mutter Ines, Lehrerin an einer Mittelschule, das Gartentor auf, drückt Stephanie noch einmal, sieht sie in die Dunkelheit hinausgehen. Vater Joachim hat sich schon oben an der Wohnungstür mit einem Kuss verabschiedet.

Von jetzt an sind es noch dreieinhalb Stunden bis zu einem Anruf aus dem Schulsekretariat: Sagen Sie, warum ist Ihre Tochter heute eigentlich nicht gekommen?

Vom Haus der Rudolphs bis zur Schule sind es nur tausend Meter: Nach 100 Metern überquert Stephanie die Geisingstraße, nach 250 steht rechts am Rand ein roter Renault Rapid, so ein Kastenwagen, draußen ein Mann, ganz in Schwarz. Er sieht aus wie ein Handwerker, der auf einen Kollegen wartet. Stephanie denkt sich nichts dabei, sie denkt an Französisch in der Vierten. Sie memoriert unregelmäßige Verben - die mit être im Passé composé.

Dann ist links das Auto, rechts ein Zaun, und plötzlich von hinten eine Hand; die Hand schließt sich um ihren Mund.

Der Mann reißt Stephanie hoch, herum, sie strampelt noch gegen das Auto, aber er zieht die Hecktür auf, drückt sie hinein, 90 Kilogramm gegen 43, er steigt zu ihr auf die Ladefläche, schaut noch mal nach draußen. Dann schließt sich für Stephanie eine Tür, für die nächsten fünf Wochen.

Sie hat diesen Mann noch nie gesehen. Er droht: »Keinen Ton, sonst bring ich dich um.« Er legt ihr Handschellen an, und da steht auch eine Sperrholzkiste; in die muss sie steigen.

Die Fahrt dauert nur ein paar Minuten, Minuten, in denen Stephanie zu beten beginnt - zu ihrem Großvater Erhardt, der schon im Himmel ist, der jetzt etwas für sie tun muss. Sie hofft, dass der Fremde ein Erpresser ist. Einer, der nur Geld will, nicht das andere. Sie denkt: »Warum gerade ich?« Und sie stellt sich vor, dass sie die Zeit zurückdrehen kann, dass sie diesen Morgen noch mal beginnen lassen kann. »Bitte lieber Gott, mach, dass alles nur ein Traum ist.«

Es ist tatsächlich ein Traum, aber es ist sein Traum, der Traum des Mario M. Der Traum von einem Mädchen, das ihn nicht verlässt, das ihm gehört, so wie seine Hunde Angel und Sara, nur besser: ein richtiger Mensch, der alles machen muss, mit dem man alles machen kann.

Der Renault Rapid hält im Hinterhof eines Mietshauses, Laubestraße 2, ein beige gestrichener Fünfstöcker mit neun Klingelknöpfen, den das Wohnungsunternehmen

Woba nach der Wende durchsaniert hat. Neue Fenster, neuer Putz, eine kleine Grünanlage, vor der eine Hundetoilette mit der Aufschrift steht: »Hundebesitzer Nehmt Rücksicht«. Unten, im Hochparterre, hinter heruntergelassenen Jalousien, wohnt Hundebesitzer Mario M.

Er trägt Stephanie in der Kiste hoch, der Deckel liegt nur lose auf, scheppert durch den Flur, aber alle Wohnungstüren bleiben zu. Dann schließt Mario M. bei sich auf. »Das ist also meine Hölle«, denkt Stephanie: rechts die Küche, dahinter das Bad, links ein leeres Zimmer. Und schließlich der Raum, in dem sie die nächsten 36 Tage und Nächte verbringen wird, auf 17 Quadratmeter beigefarbenem PVC.

Es gibt keine Schränke, keine Regale, Mario M., seit Jahren ohne feste Arbeit, hat kaum Möbel. Auf dem Boden stehen drei Videorecorder, ein Fernseher, ein Computer, eine Kochplatte. Davor liegt eine Matratze, und dann ist da noch ein Doppelbett. Aus der Wand, rechts daneben, ragen zwei Stahl-Ösen: eine, um Stephanies Hand anzuketten, die andere für ihren Fuß.

Zuerst aber muss Mario M. den Wagen aus dem Hof fahren, und deshalb muss Stephanie wieder in diese Kiste, einen Meter lang, einen halben Meter breit und hoch, ohne Sehschlitze, ohne Luftlöcher, ein Sarg der Angst. Er fesselt sie, drückt ihr eine Socke in den Mund, dann schraubt er den Deckel zu. So wie er das künftig fast immer machen wird, wenn er aus der Wohnung geht - eine gute solide Kiste für seinen Schatz.

Eine Kiste zum Einsperren? Hat er davon nicht auch schon seiner ersten Freundin erzählt, jener jungen Frau, die damals den Brief von der Staatsanwaltschaft bekam? Inzwischen ist sie Anfang dreißig, aber sie hat es nicht vergessen: »Wenn du mich verlässt, stecke ich dich in eine Kiste und fahre dich über die Grenze«, so in der Art habe ihr der Mario gedroht. Damals, als er schon nicht mehr der liebe Mario war, den sie 1989 auf dem letzten FDJ-Pfingsttreffen in Berlin kennengelernt hatte, der witzige Mario mit seinen Punker-Klamotten, der hilfsbereite Mario, der für sie Hausaufgaben in Geografie gemacht hatte.

Schon am Anfang war er allerdings auch Mario, der Maniac gewesen, der ständig Sex wollte. Er weckte sie dafür mitten in der Nacht, doch sie war unerfahren, vielleicht waren Männer einfach so, sie dachte sich nichts dabei. Solange er sie noch auf Händen trug.

Dann aber begannen diese Hände zu schlagen, in den unberechenbaren Momenten seiner Wut. »Gründe brauchte der Mario irgendwann nicht mehr.« Vielleicht reichte ihm als Grund auch schon, dass er selbst vom Vater verprügelt worden war oder dass er es, obwohl hochintelligent, nur zu einer Stelle auf dem Bau gebracht hatte, als Verschaler.

Nach den Schlägen tat es ihm auch immer wieder leid, so unendlich leid. Etwa nach der Sache mit »Nudel«, ihrem weißen Zwerghasen. »Nudel« war aufs Bett gesprungen, und Mario M., wie irre, hatte mit seinem Hausschuh auf das Tier eingeschlagen, dass es quiekte und fiepte, bis nichts mehr kam, kein Laut. »Ein paar Sekunden später wickelte er den toten Hasen in eine Zeitung und lief zum Tierarzt«, erinnert sich die Frau, »vielleicht könne der ja noch was machen.«

Sie glaubt, »dass der Mario jederzeit auch einen Menschen im Affekt töten kann«. Kurz nach der Sache mit dem Hasen lagen sie zusammen auf dem Bett, und plötzlich drückte Mario seine Hände um ihren Hals, würgte sie, würgte sie immer weiter, bis sie sich tot stellte - das Einzige, was sie noch tun konnte. Erst da ließ er erschrocken los. Und erst da verließ sie ihn, verließ ihn ohne Schuhe, ohne Jacke, wie sie gerade war und so schnell sie nur konnte - sie rannte und rannte.

Natürlich tat ihm das alles gleich wieder leid, er schrieb ihr Briefe, bettelte um eine letzte Chance; sie antwortete nicht. Er suchte sie in ihrer Schule, während des Unterrichts - in der Hand einen Zwerghasen. Er bekam Schulverbot. Er stand unten vor ihrem Haus und schrie, dass er sich umbringen wolle, dann knallte ein Schuss. Wie tot lag er auf dem Rasen, aber irgendwann sprang er wieder auf, lief weg.

Schließlich der Tag, an dem er die Wohnungstür eingetreten und auf sie geschossen haben soll. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein; die junge Frau verließ die Stadt. »Danach«, sagt sie, »muss er geglaubt haben, dass er solche Sachen machen kann, ohne dass ihm etwas passiert.« Dass er Frauen behandeln kann wie Eigentum.

Das also ist der Mann, der Stephanie am 11. Januar nach ein paar Minuten wieder aus der Kiste holt, seinen kostbaren, seinen unberührten Schatz. »Wie heißt du?« »Wie alt bist du?« »13? Ich dachte, du wärst erst 11.« Und dann die wichtigste Frage: »Hast du einen Freund?« Hat sie nicht, hatte sie noch nie. Jetzt ist er sicher, dass er die Richtige hat: Er ist der Erste. Nur wenn er der Erste, der Einzige, der Ewige ist, spürt er sie, die absolute Macht über den anderen.

Es beginnt sofort. Sie fragt: »Willst du mich umbringen?« Er sagt, dass er Videoaufnahmen machen will; wenn die fertig sind, kann sie zurück nach Hause. Sie denkt, vielleicht drei, vier Tage, und dass sie das überstehen muss, irgendwie.

Sie muss sich ausziehen. Mario M. will wissen, was sie im Biologieunterricht über Sex gelernt hat. Er legt sich nackt neben sie aufs Bett, dann, sagt Stephanie, sei er in sie eingedrungen, morgens um halb zehn, die erste Vergewaltigung.

Hinterher setzt er sich mit ihr vor den Fernseher. Sie soll sich einen Film ansehen, einen aus seiner Sammlung mit Kindersendungen, die »Pfefferkörner«. Es ist eine dieser bizarren Pausen scheinbarer Normalität, die es nun immer wieder geben wird. »Dann«, erinnert sich Stephanie, »am Mittag, hat er es noch mal in mir getan.« Nachmittags die ersten Videoaufnahmen, sie habe dafür Pipi auf den Boden machen müssen; abends dann das dritte Mal, dass er in sie eingedrungen sei.

Sie fühlt sich klebrig, schmutzig, so voller Dreck, dass man meint, ihn nie wieder abwaschen zu können. Sie ekelt sich vor dem Geruch, dem Schweiß, sie ekelt sich vor seinem schwabbeligen Bauch, seiner Glatze, dem Schorf an seinem Mund, den sie küssen muss. Und am meisten ekelt sie sich vor diesem Penis. Aber sie weiß, »sich wehren bringt nichts, betteln auch nicht«. Sie betet zu Gott, während er in ihr ist; sie will nur überleben, dafür muss etwas in ihr taub werden, stumpf werden, sterben.

Nachts macht Mario M. dann das Fenster auf, um zu lüften; es stinkt nach Urin, nach Sperma, nach Hund. »Wenn du schreist, drück ich dir die Luft ab«, habe er gedroht. So geht der erste von 36 Tagen dahin - Stephanie angekettet an der Wand im Bett, ihr Vergewaltiger schlafend daneben.

Vieles hätte sich also verhindern lassen. Und weil niemand darunter so gelitten hat wie Stephanie Rudolph, will sie jetzt selbst verhindern, wovor sie am meisten Angst hat: dass Mario M. noch einmal freikommt. Dass er Strafrabatt erhält, wie das bei Gericht durchaus üblich ist, wenn der Täter gesteht und dem Vergewaltigungsopfer so die Aussage im Prozess erspart.

35 Tage nach dieser ersten Nacht wird eine Frau den Fernseher anschalten, sie wird Mario M. nach der Festnahme erkennen und sich erinnern, wie er damals, 1994, auch neben ihr lag, schlafend, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Mario, ihr Freund, der über sie hergefallen und in jener Nacht vermutlich ihre gemeinsame Tochter gezeugt hatte.

Sie war das zweite Opfer des Mario M., und wenn sie an ihn zurückdenkt, denkt sie zum Beispiel an eine Nacht in der Klinik - da hatte er sie vorher so hart geschlagen, dass ihr Trommelfell gerissen war. Oder sie erzählt, wie er ihr mal in den Bauch getreten habe, als sie nach der Vergewaltigung schwanger war. Und wie sie trotzdem jedes Mal bei den Ärzten behauptet hatte, es sei nur ein Unfall gewesen: »Ich hatte Angst, dass er sich sonst rächt.« Auch ihr sagte er hinterher immer, es tue ihm so leid.

Sie hatte Mario M. 1992 kennengelernt. Sie war 15, er wollte mit ihr darüber hinwegkommen, dass sich seine erste Freundin nicht mehr zurückgewinnen ließ.

Es war die Zeit, in der für Mario M. die Welt da draußen immer mehr zum Feind wurde. Aus dem Haus ging er nur noch bewaffnet - einmal schleuderte er einen Morgenstern in die Scheibe eines Autos, das ihn angeblich gestreift hatte. Zu Hause baute er Extraschlösser in seine Wohnungstür ein, Ketten und Riegel. Nur er selbst und eine Frau, nur sie beide und sonst keiner, das wird zu seinem Lebensentwurf. Die Frau bedeutet darin alles; im Gegenzug muss sie sich unterwerfen - seiner Gewalt, seiner totalen Kontrolle, seiner extremen Eifersucht.

Einmal soll er auch diese Freundin in der Wohnung eingesperrt haben, aber sie war eine der ganz wenigen Frauen, die er dann doch freigab - weil er eine andere kennengelernt hatte.

Die Neue war 18, sah aus wie 15. Er wollte nicht, dass sie arbeiten geht, wollte nicht, dass sie mit anderen ausgeht, er wollte nicht, dass sie in kurzen Röcken rausgeht; andere Männer könnten ihr da druntergucken, sagte er.

Er rasierte ihr die Schamhaare ab, war besessen von ihren Schamhaaren; auch die seiner Ex-Freundinnen bewahrte er in einer bräunlichen Sporttasche auf. Und er hängte sich Bilder aus FKK-Zeitschriften an die Schlafzimmerwand, Bilder von nackten Kindern.

Als sie vor ihm flüchtete, fand er sie, trat wieder eine Wohnungstür ein, und auch diese Frau sagt heute, er habe sie dann vergewaltigt. Doch auch sie hatte so viel Angst, dass sie damals nicht zur Polizei ging. Mario M. brach bei seinen Freundinnen jeden Willen, jeden Widerstand; am Ende blieb nur Apathie. Er wickelte Frauen ein, manipulierte sie, täuschte sie, schließlich sogar eine Gerichtsgutachterin.

Im Juli 1999 nämlich vergewaltigte Mario M. ein 14-jähriges Mädchen, das seinen Hund ausführte. Diesmal bekam er mehr als drei Jahre Gefängnis in Bautzen. Noch ein mildes Urteil, auch weil M., was Sexdelikte anging, als Ersttäter galt.

2002 wollte er dann vorzeitig auf Bewährung aus dem Knast, und seine Gutachterin, die Löbauer Psychologin Cornelia Sch., kam tatsächlich zu dem Schluss, dass »eine gleichgelagerte oder ähnliche Tat eher nicht zu erwarten« sei.

Die Expertise hatte nur 14 Seiten; die Gutachterin kannte nur die kurze Bewährungsakte der Staatsanwaltschaft. Sie führte nur ein einziges Gespräch mit Mario M. Sie fragte niemanden, der M. kannte. Nicht seine erste Freundin, die meint: »Das mit den Entschuldigungen ist bei ihm doch nur Masche.« Nicht die Mutter seines Kindes: »Der ist auf keinen Fall therapierbar; so einer gehört nicht auf die Straße.« Aus Ermittlerkreisen heißt es heute, Mario M. habe kürzlich zugegeben, dass er sogar schon damals, im Gefängnis, den Plan gefasst habe, sich hinterher ein Mädchen zu schnappen und bei sich einzusperren.

Gerade frei, suchte Mario M. aber erst mal wieder nach seiner letzten Freundin, die sich aus Angst vor ihm nicht ins Telefonbuch hatte eintragen lassen. Und einen Mann, der sich aufregte, dass Mario M. einfach auf dem Rasen parkte, klemmte er 2004 mit dem Arm in einem Türrahmen fest, noch in der Bewährungszeit. Das Amtsgericht verurteilte ihn wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe, aber die Strafvollstreckungskammer Bautzen, zuständig für die Bewährung, sollte davon erst im Februar 2006 erfahren - zu spät.

Vorher, am 12. Januar 2006 beginnt für Stephanie der Tag zwei, der zweite von 36.

Mario M. hat eine Kinderzahnbürste besorgt, rosa mit dickem Griff, und zum Frühstück gibt es Brötchen, noch von gestern,

mit Marmelade. Sie essen auf der Matratze vor dem Bett, als wäre es das Normalste der Welt, aber sie darf keinen Slip tragen, keine Hose. Er erklärt ihr, welche Bilder er machen will, zeigt ihr Netz-Handschuhe, eine schwarze Augenmaske, das werde sie bei den Aufnahmen später alles mal tragen. Er sagt, er werde es jetzt aber erst noch mal so ausprobieren wie am Tag zuvor; er dringt in sie ein. Es folgen: die »Pfefferkörner«, dann: zum Mittag Kartoffelbrei mit Rührei, dann: wieder eine Vergewaltigung, dann: noch ein Film, »TKKG«.

Abends sehen sie fern, MDR, den »Sachsenspiegel«, es gibt eine Meldung über Stephanie. Mario M. schaltet sofort um. Er ist plötzlich stinksauer, einer dieser Schübe. »Ich könnte dich ja an meine Hunde verfüttern«, soll er gesagt haben, dann soll er in sie eingedrungen sein, brutal, während sie mit der linken Hand an der Öse neben dem Bett angekettet war. Sie wimmert: »Es tut so weh«; er habe weitergemacht, bis er fertig gewesen sei, hinterher habe er gesagt: »Mir hat's keinen Spaß gemacht, weil du dauernd Aua geschrien hast.«

In den Wochen danach wird das Grauen zum Alltag: Vergewaltigung, Fernsehen, Essen, Vergewaltigung. Er spielt am Computer, sie liest in ihren Schulbüchern, dann wieder eine Vergewaltigung, Dutzende Mal vor laufender Kamera. Sie denkt an Aids und daran, dass sie schwanger werden könnte. Er arbeitet seine Liste ab, die Stellungen, die Verkleidungen, mit Schamhaaren, ohne Schamhaare, eine Liste, die er sich ausgedacht hat und nun Szene für Szene filmt, abhakt, darunter Dinge, die unbeschreiblich sind.

Es werden in diesen fünf Wochen widerliche Aufnahmen entstehen, unter den widerlichsten sind jene, bei denen Stephanie lächelt: »Er hatte mir gesagt, entweder du lächelst, oder wir machen es noch mal.« Er steht hinter der Kamera, zieht mit den Zeigefingern seine Mundwinkel nach oben - sein Zeichen, dass sie gefälligst fröhlich zu sein hat. Es soll so aussehen, als habe sie Spaß, so wie bei den Frauen in seinen Pornos, und wenn es nicht nach Spaß aussieht, wird er wütend: »Streng dich doch an!«

Filmt er sich selbst bei einer Vergewaltigung, ist sein Gesicht dagegen nie zu sehen. Er will nicht zurück in den Knast, er glaubt auch, dass er davonkommen wird. Denn nur am Anfang, so sieht er das, muss er die Kleine noch in die Kiste sperren, wenn er Lebensmittel kauft, zweimal die Woche. Da muss er ihr eben auch noch Angst machen, mal mit Ohrfeigen, mal mit Drohungen. Er könne sogar noch aus dem Knast einen Auftragskiller auf sie hetzen, sollte sie ihn jemals verpfeifen, schüchtert er sie ein.

Später aber, so träumt er, wird sie dann freiwillig bei ihm bleiben.

Er nennt sie bald »Schatzi«; manchmal fragt er sie »Liebst du mich?« Sie lügt »Ja«, damit er nicht wieder wütend wird. Er sagt, dass er ein Kind mit ihr will, dass er dann mit ihr zusammenleben will, für immer. Sie malt sich das aus, ein Leben mit diesem Mann, und sie stellt sich vor, dass diese Hölle niemals enden könnte.

Die mit durch die Hölle gehen, wohnen nur 500 Meter entfernt. Joachim Rudolph, der Vater, hat es gleich gesagt. Schon am vierten Tag titelt die Dresdner Morgenpost: »Vater bangt: Perverser entführte meine Tochter«. Die Polizei aber hat andere Theorien, an die sie mehr glaubt: Hatte Stephanie nicht mal eine Phantasiegeschichte geschrieben, in der sie die Tochter eines schillernden Stars ist? Vielleicht ist sie einem ihrer Träume nachgelaufen. Und hatte sie nicht mal im Urlaub auf Zypern für einen Jungen geschwärmt?

Es ist nicht so, dass die Polizei zu wenig macht. Sie beschlagnahmt sogar Passagierlisten nach Zypern, aber die ganze Ermittlungsmaschine arbeitet wochenlang in die falsche Richtung. So viele Spuren, so viele Möglichkeiten.

Noch dazu ist die »Sonderkommission Stephanie«, die sich aus Mitarbeitern des 11. Kommissariats zusammensetzt, überlastet. Die Kollegen der anderen Kommissariate können kaum helfen, außerdem bleibt an der Soko des Elften auch noch einiges von dem hängen, was gerade so reinkommt. So geht man also erst mal der Ausreißer-Theorie nach, außerdem, Theorie Nummer zwei, der Erpresser-Theorie.

Und dann ist da noch Theorie Nummer drei: eine Beziehungstat. Die Familie wird durchleuchtet - hatten Stephanie und ihr Bruder Michael nicht ein allzu inniges Verhältnis? Und der Vater: »Haben Sie, Herr Rudolph, mit Stephanies Verschwinden etwas zu tun?«

Drei Wochen, bis zum 2. Februar, dauert es dagegen bis zur ersten simplen Anfrage in der Polizeidatei »Pass« nach Sextätern in der Nachbarschaft. »Sexualtäter« gibt der Sachbearbeiter als Stichwort ein. Mario M. aber, verurteilt 1999, war noch unter dem damals gültigen Suchbegriff »Sexuell motivierter Straftäter« ins System eingelesen worden. Auch mit diesem Begriff hätte der Sachbearbeiter rastern müssen. So aber fehlt Mario M. bei den Treffern. Und in einer anderen Datenbank läuft die Suche nur bis 2001 zurück - zu kurz.

Die Polizei will sich dazu nicht weiter äußern, dafür Rudolph: »Die Polizei hat unglaubliche Fehler gemacht«, klagt er. »Stephanie hätte spätestens nach einigen Tagen gefunden sein müssen«, sagt auch der erfahrene Opferjurist Thomas Kämmer, der mit Rudolphs Anwalt Jeinsen jetzt an einer Schmerzensgeldklage gegen den Freistaat Sachsen arbeitet. »Ihr wäre dann ein wochenlanges Martyrium erspart geblieben.«

Es ist ein Martyrium des Körpers, aber mehr noch der Psyche. Stephanie ist gezwungen, auf den Irrsinn ihrer Lage mit

perversen Überlebensstrategien zu reagieren. Manchmal verhandelt sie mit Mario M.: Vielleicht darf sie ihn doch auf eine Art befriedigen, die ihr nicht ganz so wehtut. Und dann kommt der Tag, da soll er gefragt haben, ob sie noch ein anderes Mädchen kennt, das er sich holen könnte. Und weil sie es nicht mehr aushält, die Angst, den Schmerz, den Schmutz, kommen ihr Gedanken, für die sie sich heute schämt bis auf die Knochen: Dass er sie gehen lassen könnte, wenn sie nur seine Gier auf eine andere lenken könnte.

Die ganze Zeit überlegt sie, wie sie die Polizei auf seine Spur bringen kann, ohne dass Mario M. hinterher denkt, sie habe ihn verraten. Sie sagt heute, sie habe an Marios Auftragskiller gedacht, dass der sie immer und überall kriegen würde. Sie traut sich deshalb nicht zu fliehen. Nicht mal, als Mario M. beginnt, mit ihr nachts an der Elbe entlangzuspazieren und sie auf dem Weg dorthin von einer Polizeistreife angehalten werden. Stephanie sitzt gefesselt auf dem Beifahrersitz des Renault, Mario M. geht den Beamten entgegen. Soll sie schreien? Aber vielleicht schickt dann Mario später wirklich den Killer?

Dann hat sie die Idee: Sie muss gefunden werden, es muss nach Zufall aussehen. Wenn er in der Küche ist, schreibt sie heimlich Zettel, Hilferufe an »wer das liest«. Auf der Rückseite fleht sie: »Ich bitte die Polizei, kein Wort zu Herrn M. zu sagen, weil dies meinen Tod bedeuten würde.« Nachts, wenn Mario M. Stephanie zum Altglascontainer mitnimmt, lässt sie die Zettel fallen. Am 15. Februar, morgens, hebt ein Mann, der seinen Hund ausführt, einen davon auf. Mittags, um kurz vor eins, ist es endlich vorbei. Mario M. lässt sich festnehmen, widerstandslos.

Seitdem hat M. bei der Kripo keine Aussage gemacht, auch sein Anwalt Andreas Boine sagt zu den Tatvorwürfen nichts, weder zu denen im Fall Stephanie noch zu dem, was M. früheren Freundinnen angetan haben soll. Allerdings hat Mario M. sich von einem Gerichtspsychiater begutachten lassen. Und aus Ermittlerkreisen heißt es dazu: Er habe dabei zwar weder die frühen Vergewaltigungen eingeräumt noch dass er Ex-Freundinnen die Türen eingetreten und sie dann misshandelt habe. Auch an eine Drohung, bereits seine erste Freundin in eine Kiste zu stecken, könne er sich angeblich nicht erinnern.

Dagegen habe er aber immerhin pauschal zugegeben, Stephanie entführt und zum Sex gezwungen zu haben. Er habe halt immer gehofft, dass Stephanie der Sex mit ihm irgendwann gefallen werde.

Inzwischen hat M. auch getan, was er immer getan hat: Er hat sich entschuldigt. Über seinen Anwalt hat er der Familie Rudolph ausrichten lassen, dass er »die Tat bedauert und gern ungeschehen sein lassen würde«. Ihm sei klar, dass er »die Schuld, die er auf sich geladen« habe, nicht »aus der Welt zu räumen« vermöge.

Für Joachim Rudolph klingt das nur so, als wolle Mario M. jetzt auch sie, die Opfer, noch dafür einspannen, mit demonstrativer Reue die Strafe zu mildern. M. droht die sogenannte Sicherungsverwahrung, lebenslänglich womöglich. Und nichts weniger fordert Vater Rudolph: »Wer sagt, dass nicht auch Stephanie lebenslang bekommen hat, ein lebenslanges Trauma?«

Zwar wirkt Stephanie, als beherrsche sie ihre Ängste; sie kann über die Tage der Tortur sprechen - fest und ohne zu stocken. Sie geht wieder in die Schule, ihre Noten sind gut, und seit einer zweiwöchigen Delfin-Therapie hat sie einen neuen Berufswunsch: Meeresbiologin. Aber die Bilder im Kopf, Bilder von Mario M. und dem, was er mit ihr gemacht hat, kommen fast jeden Tag zurück. Zum Beispiel, wenn Stephanie einem Menschen mit Glatze begegnet, so wie M. eine hatte. »Da wird mir jedes mal schummerig«, sagt sie.

Sie stellt sich vor, es müsse einen Chip geben, den man sich einpflanzen lassen kann, um immer geortet werden zu können. Es gibt wohl nicht viele 14-Jährige, die sich so etwas wünschen. Opferjurist Kämmer und die Karlsruher Stiftung »Hänsel und Gretel«, die Stephanie unterstützt, hoffen nun auf Spenden für weitere Spezialtherapien.

Denn Stephanie hat überlebt, aber wie gut sie es überlebt hat, das wird sie erst in Jahren wissen, vielleicht in Jahrzehnten. Vielleicht auch erst an jenem Tag, vor dem sie sich so fürchtet: dem Tag, an dem sie hört, dass M. doch wieder frei ist.
https://www.spiegel.de/panorama/willst- ... 0048826326
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1992-2006 | Dresden |Mario Mederake | Gewalt- u. Sextäter

#2

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Mi, 27. Okt. 2021, 11:48

Fall Stephanie: Allein auf dem Planeten Mario
Was trieb den Vergewaltiger der 13-jährigen Stephanie R. zu seiner Tat?
Von Sabine Rückert
14. Dezember 2006 Quelle: DIE ZEIT, 14.12.2006 Nr. 51

Bis es ihr gerichtlich untersagt wurde, bezeichnete die Dresdner Morgenpost den Angeklagten als »Bestie« und »Monster«. Im Berliner Kurier war von der »feisten Sex-Bestie« die Rede, und solche Beschimpfungen geben durchaus wieder, wie das Volk in den U-Bahnen und Wirtshäusern denkt. Doch auf der Anklagebank sitzt bloß ein Mensch, nicht einmal feist ist er. Er hockt da mit kahl geschorenem Kopf und gesenktem Blick im Landgericht Dresden: Mario Mederake, 36 Jahre alt, das Hassobjekt der Vorweihnachtszeit 2006. Mario Mederake, der Entführer Stepphanies, steht in vor Gericht BILD

Vor einem knappen Jahr hat er die damals 13-jährige Stephanie R. von einer Dresdner Straße geraubt und fünf Wochen lang in seiner Wohnung auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt. Jetzt ist der Verhandlungssaal erfüllt von schlecht verhohlener Aggression. Immer wieder muss der Vorsitzende die Zuhörer ermahnen, gehässige Bemerkungen zu unterlassen. Manche klatschen, wenn Mederake Handschellen angelegt werden. Einer erscheint in einem T-Shirt, dessen Aufschrift fordert, dass man nicht Tiere, sondern Kinderschänder für Versuche verwenden sollte. Mederakes Verteidiger Andreas Boine bekommt es mit Rachefantasien der Bürger zu tun, die die Taten des Angeklagten an Niedertracht übertreffen. »Du gehörst in die Gaskammer«, schreibt ihm jemand anonym, ein anderer kündigt an: »Ich werde Dir die Knochen brechen, ich werde Dich verstümmeln.«

Der Angeklagte Mederake schweigt in der Hauptverhandlung vor allem. Über sich selbst gibt er dem Gericht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit Auskunft. Als die Anklageschrift in allen Details öffentlich verlesen wird, versucht er plötzlich aufzustehen – es ist die lautlose Wutreaktion eines Gestörten, der immer noch nicht begriffen hat, dass erzwungener Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen keine Privatsache ist, sondern ein Verbrechen.

Am nächsten Tag erklimmt Mederake das Dach des Untersuchungsgefängnisses und weigert sich 20 Stunden lang, herunterzukommen. Er, dem stets daran gelegen war, anderen aus dem Weg zu gehen, der zuletzt das Leben eines menschenscheuen Sonderlings geführt hat, erträgt nicht die Sprengung dessen, was er für seine »Intimsphäre« hält. Der innere Aufstand gegen solche Demütigungen treibt ihn aufs Dach – Trotz und das Bedürfnis, sich auch in aussichtsloser Lage nicht geschlagen zu geben, halten ihn oben. So wird es der Psychiater deuten. Die Bilder, die in jedes Wohnzimmer übertragen werden, zeigen jedoch einen triumphierenden Verbrecher, der auf den Rest der Welt herunterspuckt.

Erst als Hans-Ludwig Kröber, Professor für forensische Psychiatrie aus Berlin, sein Gutachten über den Angeklagten erstattet, wird aus dem Monster ein Mensch. Die 122 Seiten starke Expertise handelt nicht von den Perversionen einer Bestie, sondern von der fürchterlichen Fehlentwicklung eines hoch begabten kleinen Jungen. Gleichzeitig gewinnt die Person Mederake Konturen, und es erscheint eine Gestalt, die Dostojewskij – der meisterhafte Begleiter abgründiger Seelen – ersonnen haben könnte.

Mederake wird 1970 in die DDR hineingeboren, seine Mutter ist 17 Jahre und arbeitet in einer Filmfabrik. Der Vater ist noch jünger, und – so formuliert es Kröber – »niemand fühlt sich zuständig für das Kind«. Der unreife Vater neigt zur Gewalttätigkeit, er soll den kleinen Mario »stark geprügelt« haben, auch von einem Ziegelstein, der durch die Fensterscheibe nach dem Kleinkind geworfen wird, ist in Polizeivernehmungen die Rede. Die Eltern trennen sich. Als die Mutter wieder heiratet, ist Mario zehn, der neue Stiefvater 17 Jahre alt. Sonst bleibt die frühe, entscheidende Phase von Mederakes Biografie weitgehend im Dunkeln. Aufschlussreich könnte sein, dass der dreijährige Mario an einem Abszess an der Nasenwurzel erkrankt, der sich tief in den Knochen frisst und das kindliche Gesicht entstellt. Erst als Mederake erwachsen ist, unterzieht er sich einer plastischen Operation.
Was wäre aus ihm geworden, hätte er die Chance gehabt, Klavier zu lernen?
Allein auf dem Planeten Mario – Seite 2

Wer Kröber zuhört, fragt sich, was das Schicksal wohl aus Mederake gemacht hätte, wäre er in einer gutbürgerlichen Akademikerfamilie aufgewachsen, in der Kinder behütet werden, optimale ärztliche Versorgung erfahren und Klavier spielen lernen. Der Angeklagte ist kein imbeziller Triebtäter, sondern ein origineller Kopf. Er trägt dem Sachverständigen »kein vorproduziertes Zeug« vor, sondern ist zu Einsicht und interessanten Gedanken fähig.

Mederake hat einen Intelligenzquotienten von 138, er hätte es zum Unternehmer bringen können oder zum Chefarzt. »Alle Möglichkeiten hätten ihm offen gestanden«, sagt Kröber. Doch aus Mederake wird bloß ein außerordentlich verwegener und ungewöhnlich rücksichtsloser Sexualstraftäter, und dass seine Besonderheit solche Abwege nimmt, hat auch damit zu tun, dass niemand die Gaben des Kindes Mario erkannt hat.

Er wird in einer Umwelt groß, die ihm nicht gewachsen ist und mit seinen Ansprüchen nichts anfangen kann. Gerade intelligente, wache Jungs sind nicht leicht zu beschäftigen, sie sind rasch unterfordert, sie quengeln, sie stören – als Folge werden sie viel geschlagen und abgeschoben. Und so nimmt eine lehrbuchhafte Fehlentwicklung ihren Lauf: Die frei flottierenden Fähigkeiten eines hoch begabten Kindes finden keine sozial anerkannte Form, schlagen ins Negative um und verwirklichen sich in kriminellen Projekten.

Im Falle dieses Angeklagten heißt das: Er gebrauchte Fantasie und Energie nicht für den gesellschaftlichen Aufstieg, sondern für die Abkehr von der Gesellschaft. Als junger Erwachsener erschafft er sich seine eigene Welt, den Planeten Mederake. Ein Reich, zu dem irgendwann niemand mehr Zugang hat und in dem er allein und nach eigenen Gesetzen lebt – bis seine Isolation das Maß des Erträglichen übersteigt. Da beschließt Mederake, dessen Störung in der Einsamkeit längst pathologische Züge angenommen hat, sich eine Frau zu fangen, um sie nach seinen ganz speziellen Vorstellungen zu erziehen und für immer zu behalten. Jung, formbar und unberührt muss sie sein. Deshalb fällt seine Wahl auf die 13-jährige Stephanie, die ihm irgendwann auf der Straße begegnet. Wochenlang spioniert er sie aus, wartet auf die Gelegenheit, sie sich anzueignen. Stephanie soll seine Partnerin sein – für ewig.

Als Mederake am Morgen des 11. Januar 2006 die ahnungslose Gymnasiastin in sein Auto zerrt, ist er sich darüber im Klaren, dass er nach dem Strafgesetzbuch einer Gesellschaft, mit der er nichts mehr zu schaffen hat, eine Geisel nimmt. In seiner eigenen Welt dagegen beginnt in dieser Sekunde ein grandioses Projekt mit dem Titel: Nur ich und du.

Am 15. Februar 2006 endet das Projekt, die Polizei dringt ein. Für die Beamten stellt sich Mederakes Universum als eine durch Jalousien verdunkelte, notdürftig möblierte Zweizimmerwohnung dar, die vom Kot diverser Hunde, die die Einöde mit ihrem Herren teilen, verunreinigt ist. Im Flur steht eine Holzkiste, in der Mederake seine Gefangene verpackte, wenn er zu Besorgungen hinausmusste. Der Fernseher läuft, Hunderte Kassetten mit Kinder- und Teeniesendungen hat der Mann aufgenommen, die Illusionsfetzen des Trash-TV sind alles, was aus der feindlichen Welt zu ihm hereindarf. Er selbst lässt sich an der Haustür widerstandslos festnehmen. Und als die Polizisten rufen: »Stephanie, komm heraus«, taucht aus der Tiefe des Raums die Verlorene auf, im schwarzen Hemd und mit einem Teddybären im Arm. Es ist wie die Auferstehung einer Toten.

Heute weiß man, dass das Mädchen sich selbst gerettet hat, auf nächtlichen Spaziergängen mit ihrem Entführer ließ sie Zettelchen fallen, auf denen sie um Hilfe rief. Dass Mederake mit seinem Opfer überhaupt das Haus verließ, liegt an dem grausamen Alltag, der bei den beiden nach und nach Einzug hielt: Stephanie musste sich pausenlos vergewaltigen und auf tausend Arten missbrauchen lassen, doch in der Zwischenzeit aß sie mit Mederake, machte Schularbeiten, guckte Herzschmerzsendungen für Halbwüchsige oder ging mit dem Mann und seinen Hunden um den Block. »Er wollte ein Liebesbiotop herstellen«, sagt der Psychiater Kröber, dazu gehöre eben auch die Simulation normalen Lebens. Und was tun Paare miteinander? Sie gehen spazieren.
Allein auf dem Planeten Mario – Seite 3

Was eine normale Beziehung ist, weiß Mederake. In seinem früheren Leben hatte er Mädchen und auch einen Beruf, er ist gelernter Schlosser. Sogar Vater einer Tochter wurde er 1995. Bis zu diesem Zeitpunkt deutete nichts darauf hin, dass aus ihm ein Sexualverbrecher werden könnte. Seine Bedürfnisse lagen damals noch »tief im Mittelfeld dessen, was Männer in diesem Alter wünschen«, so formuliert es Kröber. Mederakes frühere Partnerinnen sagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, aber sie beschreiben einen Mann, der rücksichtsvoll und zärtlich sein konnte. Allerdings hatte Mederake niemals einen Freund und neigte zu übertriebener Eifersucht und unkontrollierten Gewaltausbrüchen.

Seine erste Partnerin Verena ist noch recht selbstbewusst. Sie verlässt ihn – auch seiner Gewalttätigkeit wegen. Diese Kränkung überwindet Mederake nicht. Zu Kröber sagt er, bei ihm habe der Verlust Verenas zu der Konsequenz geführt, »dass man jemanden, den man hat, nicht mehr aus den Augen lässt«. Seine Versuche, sie zurückzugewinnen, bleiben erfolglos.

»Ich habe keine Freunde

und niemand, der mich liebt.

Ich habe nur ein Mädchen,

das mir nicht mehr vergibt«,

dichtet der Verlassene. Unzählige im Liebeskummer verfasste Verse auf verronnene Leidenschaften wird die Polizei später in der Wohnung des Angeklagten finden. Ein Archiv der großen Emotionen und großen Enttäuschungen.

Im Laufe der Zeit werden die Frauen, zu denen der Angeklagte Beziehungen unterhält, immer schwächer und willenloser. Gleichzeitig kippt Mederake mehr und mehr aus dem Berufsalltag. In den Firmen gelingt es ihm nicht mehr, sich einzuordnen; er eckt an, wird gekündigt, ist arbeitslos. Er vergräbt sich und entzieht sich den vielfältigen Kränkungen der Erwachsenenwelt. Der Preis ist Einsamkeit.

Am 2. Juli 1999 vergewaltigt der schon stark abgedriftete Mederake eine 14-Jährige, die seine Hunde spazieren führt. Er ist verliebt in das Mädchen und bildet sich ein, sie erwidere seine Gefühle. Ein frontaler Annäherungsversuch misslingt und mündet in die Gewalttat. Während der drei Jahre seiner Strafhaft vertiefen sich Mederakes Verhaltensauffälligkeiten, zugleich erodiert seine letzte Bereitschaft zum sozialen Kompromiss. Nach seiner Entlassung 2002 kommuniziert er vor allem mit seinen Hunden, mit Menschen wechselt er kaum ein Wort.
»Nur ich bin ein Einzelner, die anderen aber sind alle«

Wer im Prozess gegen Mario Mederake sitzt, der kann an Dostojewskijs Aufzeichnungen aus dem Untergrund denken: In einem radikalen Monolog lässt der Schriftsteller einen Namenlosen zu Wort kommen, der isoliert in einem Kellerloch haust und sich in einem immerwährenden Krieg mit der Welt wähnt. Er ist hoch intelligent, sensibel und »so empfindlich, als ob man mir die Haut abgezogen hätte«. Vor langer Zeit hat er einmal dazugehört – jetzt aber sagt er: »Nur ich bin ein Einzelner, die anderen aber sind alle.« Aus der Tiefe wütet er gegen die Ordnung der Menschen, und der Leser ahnt, dass er demnächst ein Verbrechen begehen könnte.
Allein auf dem Planeten Mario – Seite 4

Mederake hat es begangen. Glaubte er wirklich an das gute Ende seines Unterfangens? Meinte er allen Ernstes, Stephanie würde sich – nach einer gewissen Leidenszeit – schon an ihn gewöhnen, in ihn verlieben, bei ihm bleiben, mit ihm Kinder haben? So jedenfalls hat er es dem Psychiater gesagt. Ist das zu glauben? In welcher Lebensgefahr mag das Mädchen tatsächlich geschwebt haben? Wie oft mag ihr Entführer still mit sich gerungen haben, ob es wohl nicht klüger wäre, die einzige Zeugin seiner Barbarei zu beseitigen.

Mederake leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und schizoiden Zügen. Das Projekt »Nur ich und du« sollte jede weitere Verletzung ausschließen. Für den Angeklagten sei Nähe gleichbedeutend mit herrschen, sagt der Psychiater. Dass es ihm vor allem um die romantische Liebe und die Zuwendung des Mädchens zu tun gewesen sei, habe er sich als Rechtfertigung selber eingeredet. Die Videofilme von Stephanie zeigen etwas anderes – pornografische Details. Stephanie war laut Kröber Mederakes Garantin für »Sex ohne Ende, in jeder Art, jeder Menge, jeder gewünschten Form«. Und ohne das Risiko der Zurückweisung. Wie sehr muss einer sich selbst verachten, um an so etwas Gefallen zu finden?

Auch Dostojewskijs Menschenhasser hat sexuelles Vergnügen an Abartigkeiten und nicht näher beschriebenen Gemeinheiten. »Der Genuss«, erklärt er, »liegt hier gerade in dem allzu grellen Erkennen der eigenen Erniedrigung. Er entsteht daraus, dass man selbst fühlt, an der letzten Wand angelangt zu sein, dass das zwar scheußlich, aber nicht zu ändern ist. Und dass es für dich keinen Ausweg mehr gibt.«
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