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Karl-Wilhelm Dettmer -> der Liebespaarmörder von Meinersen

Taten, Profile und Opfer.
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Duchonin
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Karl-Wilhelm Dettmer -> der Liebespaarmörder von Meinersen

#1

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Do, 26. Aug. 2021, 17:07

»Hauptsache, er kann was verdienen«
03.12.1972, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 50/1972

Karl-Wilhelm Dettmer, 32, ein kleingewachsener, schmächtiger Mann: Er steht in der Angeklagtenbank und senkt nur leicht den Kopf, während die Photographen vor Beginn der Hauptverhandlung auf ihn schießen. Später sitzt er kerzengerade an dem kleinen Tisch mitten im mächtigen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Braunschweig und bemüht sich, jede Frage zu beantworten.
Er gibt sich nicht servil oder unterwürfig. Er ist weder zerknirscht noch aufsässig. Er ist karg und still im Verhalten und im Ausdruck. Was er getan hat, ist soviel größer als er, daß nichts von ihm geblieben ist. Schreiben kann er nicht und lesen kaum. Doch selten hat ein Angeklagter so sehr die Würde der Schuld spüren lassen.
Die Hauptverhandlung hat am Freitag vergangener Woche begonnen und ist noch nicht weit gediehen. Dennoch ist dieser Prozeß schon jetzt ein Ereignis, das zu mehr als nur einem Urteil führen sollte.
Der Vorsitzende Richter leitet die Sitzung vorbildlich. Der Anklagevertreter tritt besonnen, ohne Aggressivität auf. Der Verteidiger fragt nur, was zur Klärung beiträgt. Und der Angeklagte ist geständig. Erinnert er sich einmal nicht, so bittet er, man möge als zutreffend annehmen, woran andere sich erinnern oder was andere rekonstruiert haben. Wo derart verhandelt wird, kann die Schuld, um die es zu gehen hat, als etwas sichtbar werden, das nicht allein den Angeklagten angeht, sondern alle Beteiligten betrifft.
Man hätte wahrlich Grund, sich zu freuen, daß einmal so verhandelt wird. Doch Freude kommt nicht auf. Die Beteiligten mögen noch so sehr aus den überkommenen Rollenschemen vom strengen Vorsitzenden, vom schneidigen Staatsanwalt, vom wendigen Verteidiger und vom auf Mitleid erpichten Angeklagten heraustreten und bis zum Ende des vierten Aktes tun, was ihnen die Schuld oder über die Rechtsordnung hinaus die Menschlichkeit befiehlt: der fünfte Akt ist festgelegt.
Für Kapitalverbrechen, für Mord -- gibt es nur Lebenslang. Das Gericht kann nicht honorieren, daß der Angeklagte sich stellt, daß er mitarbeitet: daß er dem Gericht hilft, ihn in all seiner Schuld noch immer als Menschen zu sehen. Der Verteidiger würde sich lächerlich machen, suchte er, das Verhalten seines Mandanten als Milderungsgrund anzuführen. Der Ankläger muß beantragen, was ihm das Gesetz befiehlt. Und das Gericht hat nach dem Gesetz für Rechtens zu erkennen. Die einzige Hoffnung darauf, daß irgendwie denn doch sich auswirken könnte, was man diesem Angeklagten nicht verweigern möchte, sind die Gutachter.
Wenn so verhandelt wird, wie immer verhandelt werden sollte -- gerade dann wird das Strafverfahren zur Ungeheuerlichkeit.

Karl-Wilhelm Dettmer werden Überfälle auf Liebespaare zur Last gelegt, die er zuvor beobachtet hatte. Eine erste Serie beging er 1968, die zweite 1970 auf 1971. Zwischen den beiden Serien befand er sich -- eines leider für weniger gewichtig angesehenen Überfalls wegen -- in Strafhaft.
Während der ersten Serie von Überfällen verletzte Karl-Wilhelm Dettmer ein Mädchen lebensgefährlich, doch es überlebte. Auf dem Höhepunkt der zweiten Serie tötete er den 23jährigen Günter Hausotter, bevor er dessen 14 Jahre alte Freundin Erika vergewaltigte. Kurz darauf wurde er festgenommen. Was nun die Anklage vorzubringen hat, ist mehr als hinreichend. Dennoch -- hier ist nicht einfach abzuurteilen.
Karl-Wilhelm Dettmers Vater war Schausteller. Er hatte eine Schießbude, ein Karussell Die Eltern zogen herum, nicht weit, doch ständig zwischen Neustadt am Rübenberge und Braunschweig hin und her. Der Angeklagte hat eine Schwester, die zwei Jahre jünger ist. Sie steht dem Vater näher, so wie ihm die Mutter. Karl-Wilhelm Dettmer hat kaum die Schule besucht. Er hat, wie gesagt, Lesen kaum und Schreiben gar nicht gelernt. Wenn er etwas zu unterschreiben hat, macht er drei Kreuze. Er ist als Kind schwächlich und später oft in Unfälle verwickelt gewesen. Einmal ist er, als er sich nach seiner Mütze bückte, in den Hufschlag eines Pferdes geraten. Das war »lein treues Pferd«, sagt er in Braunschweig. Das Pferd hat nicht nach ihm ausgeschlagen, darauf legt er Wert. Dann hat ihn einmal die zurückschnellende Handkurbel eines Traktors schwer am Kopf getroffen. Später ist er bei einem Unfall gegen die Frontscheibe des Autos geflogen.
Nach dem Krieg stellte sich der Vater auf Schrott um. Die Mutter war herzkrank. Man mußte seßhaft werden, wenn auch noch für lange Jahre im Wohnwagen. Karl-Wilhelm Dettmer hat mitgearbeitet, ist jedoch nicht am Erfolg beteiligt worden. Er bekam Taschengeld. Gab ihm der Vater nichts, half die Mutter aus. 1963 hat er geheiratet. Von da an hat er für sich und seine Familie gearbeitet. Der Vater hat ihm zur Hochzeit für 8000 Mark einen Wohnwagen geschenkt. Später hat er sich dann in einem Flecken bei Gifhorn ein Haus gebaut.
Der Vater war streng. Er hat nur mit der Hand geschlagen. Doch wenn er schlug, strafte der Himmel. Der Vater war die Autorität. Er hat nie auf begehrt gegen ihn. »Ich bin dann weggegangen und habe irgendwo im Wald oder in der Wiese geweint.« Seine Ehe, meint er, war gut. »Ich hatte eine gute und saubere Frau.« Aufgeklärt worden ist er nie. Sexuell, sagt er, sei mit ihm alles in Ordnung gewesen. Den Umgang mit Frauen habe er so gelernt, wie das halt geschehe, wenn es an der Zeit sei, sozusagen »automatisch«. Hier irrt er; hier kann er nicht erkennen und ausdrücken, was mit ihm geschah. Doch das läßt sich schon jetzt, bevor sich die Sachverständigen erklärt haben, andeuten.
Als er gefragt wird, ob er aussagen wolle, steht er auf. Ja, das wolle er. Nur -»Da kommen ja Worte zwischen wie Geschlecht. Das kann ich ja nicht.« Darüber könne er doch nicht reden, wo seine Familie, Verwandte und Freunde im Saal seien. Karl-Wilhelm Dettmer ist nicht nur unter Fahrenden aufgewachsen: Seine Mutter ist Zigeunerin. Unter Zigeunern spricht man über Sexuelles nicht. Man lebt in engster Intimität zusammen: darum ist aber gerade der intimste Bereich tabuisiert. Die Mutter, der Vater des Angeklagten werden gehört. Sie stehen zu ihrem Kind, sie lassen es nicht allein. Doch um die sexuelle Entwicklung des Jungen hat man sich nicht gekümmert. Der wuchs in einer drückenden Intimität im Wohnwagen mit Eindrücken auf, über die er nicht sprechen durfte.
Vater Dettmer ist entsetzt. So etwas kann man mit den Kindern doch nicht besprechen. Auch er macht drei Kreuze, wenn er unterschreibt. Daß der Junge nicht lesen und schreiben lernte, hat den Vater nicht beunruhigt: »Hauptsache, er kann was verdienen ...«
Gerade hier aber dürfte Karl-Wilhelm Dettmer auf den Weg geraten sein, auf dem er zuletzt getötet hat: in einer ganz engen Welt, in der es ein übermächtiges Tabu gab. Wie er zum Täter wurde, ist ihm unverständlich und seinen Angehörigen auch. Sie sind Leute aus dem Stamm der Fahrenden, zwar ein wenig seßhaft geworden, doch immer noch von den Vorstellungen der Fahrenden und der Zigeuner beherrscht. Sie sind fassungslos, verzweifelt. Er ist immer ein guter Junge gewesen. Der Vater hat ihn sogar verspottet, weil er Alkohol nicht vertrug. »Ich hab« ihn dann ausgelacht. Ich hab« zu meiner Schwiegertochter gesagt: Guck mal, kleine Kinder können keinen Alkohol ab Als Karl-Wilhelm Dettmer dann seine Überfälle beging, war immer Alkohol im Spiel. Er hat zwei Kinder, Mike und Jonny. Jonny wurde geboren, kurz bevor Karl-Wilhelm Dettmer getötet hat.
Der Vorsitzende Richter Dr. Hauswaldt, 50, leitet die Sitzung so, daß er das Vertrauen des Angeklagten gewinnt und das der Angehörigen auch. So kann die Fassungslosigkeit der Angehörigen sich ausdrücken und sogar die des Angeklagten glaubhaft werden. Doch es ist nichts in Sicht, was hoffen läßt, das Gericht könne am Ende all dem gerecht werden, was eine vorbildliche Verhandlung zutage gefördert hat. Lebenslang droht, selbst wenn nach einer ärztlichen Behandlung die Wiederholungsgefahr ausgeschlossen werden könnte. Der Prozeß, der so begonnen hat, wie selten einer -- gerade er ist quälend wie kein anderer.
https://www.spiegel.de/politik/hauptsac ... 0042763104
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Karl-Wilhelm Dettmer -> der Liebespaarmörder von Meinersen

#2

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Do, 26. Aug. 2021, 17:12

Gifhorn. Karl-Wilhelm Dettmer überfiel Liebespaare in der gesamten Region zwischen Harz und Heide. Auch nach langer Haft blieb er im Alter noch gefährlich.
https://www.wolfsburger-nachrichten.de/ ... haben.html
„Tatort Niedersachsen“: Der sexbesessene Schrotthändler
Der Liebespaarmörder von Meinersen wollte die Frauen für sich haben und deshalb deren Männer kaltblütig aus dem Weg räumen.
Seine Wehrmachts-Pistole lag stets griffbereit: Der Schrotthändler Karl-Wilhelm Dettmer hielt Ausschau nach Frauen und klapperte mit seinem Lkw die abgelegenen Plätze ab, an denen sich die Liebespaare vergnügten. „Es ist nur einem unglaublichen Zufall zuzuschreiben, dass Dettmer nicht zum vierzehnfachen Mörder geworden war“, schrieb nach seiner Verhaftung 1971 eine Zeitung über den Fall.
Der Liebespaarmörder von Meinersen: Einer der berüchtigsten Sexualstraftäter zwischen Harz und Heide
Angesichts des Unheils, das Dettmer über so viele junge Menschen brachte, dürfte er als einer der berüchtigsten Sexualstraftäter zwischen Harz und Heide gelten. Selbst als er nach langer Zeit im psychiatrischen Krankenhaus wieder in Freiheit kam, besorgte er sich gleich wieder eine scharfe Waffe. Im Podcast spricht Redakteur Tobias Feuerhahn mit seinem Kollegen Hendrik Rasehorn, der den wenig bekannten Fall recherchierte.
https://www.braunschweiger-zeitung.de/p ... ndler.html
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#3

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Do, 26. Aug. 2021, 17:53

1986 im Fall Weimar hatte man zuerst Karl-Wilhelm Dettmer im Verdacht, der damals nur 16 Jahre nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft, Haftausgang bekommen hatte.

Hier fragt man sich, für welche Fälle der 80-iger und 90-iger Jahre Karl-Wilhelm Dettmer noch in Frage käme.
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#4

Ungelesener Beitrag von Duchonin » Do, 26. Aug. 2021, 20:59

Karl-Wilhelm Dettmer hat trotz mehrerer Morde nur 15 Jahre bekommen.
Sobald er wieder draußen war, hatte er sich wieder eine scharfe Schusswaffe beschafft.
Ob und wann er verstorben ist, ist nicht zu finden.
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