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1984 | Hamburg | Karl-Hinrich Lienau (44) ermordet

Ungeklärte Fälle im Focus.
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Granus
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1984 | Hamburg | Karl-Hinrich Lienau (44) ermordet

#1

Ungelesener Beitrag von Granus » Do, 26. Nov. 2015, 05:39

Das Grauen im Kanal - von Matthias Rebaschus: Lesen Sie hier eine Chronik des perfekten Mordes aus Zufall:

Der Fall Lienau ist auch meine eigene Geschichte. Ich war damals als junger Reporter am Kanal, und bis heute hat mich dieser merkwürdige Tod nicht losgelassen. Also begebe ich mich 30 Jahre später noch einmal auf die Spurensuche, treffe Zeitzeugen, Verwandte und Freunde, durchforste meine alten Recherchen, lese alle diese Zeitungsartikel, es sind meist frei erfundene Geschichten, der "Fassmord" hat offenbar die Fantasie der vielen Kollegen angeregt. Schließlich beantrage ich Akteneinsicht in den Archiven der Staatsanwaltschaft. Nach nun 30 Jahren am 18. September 2014 hat ein Journalist zum ersten Mal Akteneinsicht, aber lesen Sie selbst:

Bild nicht mehr vorhandenKarl-Hinrich Lienau wurde am 08.November 1984 in Pinneberg ermordet. Foto: Pressdisplay-Getimage

Karl-Hinrich Lienau, wurde 44 Jahre alt. Er war 1,70 Meter groß, kräftig, 70 Kilo schwer, die dunklen Haare 12 Zentimeter lang. Im Herbst 1984 treibt auf dem Hamburger Osterbekkanal ein Fass mit einer Leiche. Unser Autor schreibt als junger Reporter darüber und kann den Fall danach nicht mehr vergessen. Nun hat er noch einmal recherchiert. Reonstruktion eines anscheinend perfekten Mordes.

Der Tod von Karl-Hinrich Lienau ist die Geschichte eines anscheinend perfekten Mordes. Begangen im Jahr 1984. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Hamburgs, Teil der Lehrmittelsammlung der Polizei, Fall Nummer 13 im Polizeimuseum – und bis heute nicht aufgeklärt.

Man fand Lienau an einem warmen Novembertag. Ein Polizist sieht auf dem Barmbeker Osterbekkanal ein Fass treiben. Zwei Handbreit ragt es aus dem Wasser. Abfall, vermutet er. Wenige Stunden später wird es geborgen, darin ein auf grausame Weise getöteter Mann. Hingerichtet nach Mafia-Manier, gefesselt, mit Sand, Zement und einer Eisenhantel kopfüber in das Fass gestopft.

Jahrzehntelang haben die Fahnder nach einem Täter gesucht, unzählige Spuren und Hinweise verfolgt. Vergeblich. Am Ende passten die vielen Puzzleteile nie zusammen. Der Fall kam zu den Akten, im Keller der Staatsanwaltschaft. Doch der Mord und ihre Fragen sind nicht vergessen: Wer war dieser Mann? Und warum musste er sterben? Dazu muss man 30 Jahre in die Vergangenheit reisen, um sich ein Bild von Karl-Hinrich Lienau zu machen.

27. Dezember 1982, Andreas-Gayk-Straße 19 in Kiel, Zentrale Nordwestlotto Schleswig-Holstein GmbH & Co. KG:
Die Lottogesellschaft stellt einen Verrechnungsscheck über 1.008.289,60 Mark auf den Namen Karl-Hinrich Lienau
aus. Eine Million Mark. Lienau ist fünf Tage vorher 42 Jahre alt geworden. Der Lottogewinn schien ein Geburtstags-
geschenk vom Schicksal zu sein für einen wie Lienau, der aus einfachen Verhältnissen stammt.

1939 wurde Lienau in Vorbruch im Kreis Friedeberg geboren. Er wuchs ohne Vater mit fünf Schwestern und vier
Brüdern auf, machte eine Lehre zum Raumausstatter, zog Anfang der sechziger Jahre nach Pinneberg, ging zur
Bundeswehr, heiratete eine zwei Jahre jüngere Frau, eine gute Partie.

Anfangs arbeitete Lienau im Kohlenhandel seiner Schwiegermutter und als Raumausstatter. 1964 wurde seine
Tochter geboren, sechs Jahre später ein Sohn. Bis 1979 betrieb Lienau ein Fuhrgeschäft mit eigenen Lastwagen,
jedoch ohne Erfolg. 1981 war er pleite. Schulden blieben.

Im gleichen Jahr lernte Lienau in Kanada Baldur M. kennen, einen deutschstämmigen Finanzberater, der sich "Bud"
nennt. Das weite, wilde Land ist Lienaus Sehnsuchtsort. Das Leben in Kanada gehört zu den vielen Träumen, die er
immer hatte und selten lebte. Aber Urlaub dort, immerhin das war möglich. Schließlich kaufte Lienau mit seiner Frau,
seiner Schwester und dem Schwager ein Grundstück auf einer kanadischen Insel. Im Sommer 1982 baute er dort ein
Holzhaus. In Pinneberg lief seit Mai 1982 dagegen das Zwangsvollstreckungsverfahren gegen Lienau.

6. Januar 1983, Kiel:
Lienau holt von seinem Gewinn anfangs nur 30.000 Mark in bar ab, erzählt niemandem davon. Er will die Sache
gegenüber seinen Gläubigern, dem Finanzamt und seiner Frau verheimlichen. Er fährt noch sechs Mal nach Kiel.
Bis zum 10. März 1983 hat er die Million in fünf Tranchen zwischen 7000 Mark und 530.000 Mark in bar abgehoben.
Nur 70.000 Mark werden auf sein Konto gebucht. In Kanada legt Lienau Geld in Wertpapieren an.

16. Mai 1983, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle:
Unbekannte Brandstifter rollen Toilettenpapier aus, tränken es mit Petroleum, zünden die Disco an. Die Täter sind
nicht zu ermitteln. Ein mögicher Hintergrund: Jemand wollte verhindern, dass ein Bordell dort eingerichtet wird,
ein neuer Pächter, ein Gastronom aus Wedel, hatte kurz zuvor das Obergeschoss ausgebaut. Bei einem Autounfall
verunglückt er kurz nach dem Brand tödlich. Er rast ohne erkennbaren Grund gegen einen Baum.

Juli 1983, Kanada:
Lienau macht mit seiner Frau und den Verwandten Urlaub auf der Insel in seinem Blockhaus. Er bleibt den ganzen
Sommer, lernt Männer aus dem Frankfurter und Würzburger Raum kennen: Eddi, Jan und Rainer. Alle drei sind
Wirtschafter in Bordellen, Pächter oder betreiben welche. Gegen sie laufen Strafverfahren: Betrug und Widerstand
gegen Vollstreckungsbeamte, Verstoß gegen das Waffengesetz, Totschlag, Hehlerei, Steuerhinterziehung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Hausfriedensbruch, Strafvereitelung, Trunkenheit im Vorsatz, Nötigung, Bildung einer
kriminellen Vereinigung, unerlaubtes Glücksspiel, Körperverletzung mit Todesfolge, versuchten Betrugs, räuberische
Erpressung und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die Liste ist nicht vollständig. Seine Ehefrau weiß nichts
davon. Später sagt sie, sie habe ein ungutes Gefühl gehabt.

September 1983, Diskothek Jingle in Pinneberg:
Als Lienau aus Kanada zurückkommt, erfährt er, dass Diskotheken-Besitzer Harald Behnke (damals 42 Jahre alt,
Name geändert) nach dem Brand im Jingle Geldgeber sucht. Lienau beteiligt sich mit 200.000 Mark an der Disco.

Januar 1984, Kanada:
Lienau schließt mehrere Verträge ab, die seine Lotto-Million verschleiern sollen, mietet Schließfächer. Und er
legt Geld auf den Namen von Diskothek-Besitzer Harald Behnke an. Seine Frau reicht die Scheidung ein.

15. Februar 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle:
An der Bar sitzt ein halbes Dutzend attraktiver, junger Frauen. Darunter Maren B., 24 Jahre alt, eine blonde
Arzthelferin, Ex-Verlobte von Kompagnon Harald Behnke. Sie ist nun die Freundin von Lienau, der vor der
geladenen Presse verkündet, im Obergeschoss zwei Whirlpools einbauen zu wollen. Ein Bordell? Aber Charlie
lächelt nur. Das Jingle ist ein schmuckloses, zweistöckiges Haus mit einem kitschigen, grünen Plastik-Baldachin
über dem Eingang. Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Tanzfläche, eine lange Bar, einen Kamin. Schummerige
Beleuchtung, Mahagoni, Messing an den Tischleuchten und die kitschige Gipsfigur einer Leichtbekleideten am
Tresen. Ein Drink kostete 13 Mark.

Im ersten Obergeschoss liegen drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine Küche und ein Wohnzimmer. Unter dem
Dach weitere Zimmer und ein Matratzenlager. Lienau und Harald Behnke wohnen auch in dem Haus, Lienau
inoffiziell. Harald Behnke bestreitet damals, dass Frauen mit Gästen nach oben gehen. Die Kreisstadt Pinneberg
will keine Bordelle im Stadtgebiet, und einige Pinneberger behaupten immer noch, im Jingle nur eine Disco
gesehen zu haben. Die Raumpflegerin Angela D. machte nur unten sauber. "Oben putzen die Chefs selber",
sagt sie später der Polizei.

25. März 1984, Spielbank Hamburg:
Das Kasino registriert Lienaus Besuch. Auch im April ist er dort. Auf St. Pauli kauft er im Frühjahr 1984 einen
falschen Führerschein.

15. Mai 1984, Pinneberg, Büro eines Notars:
Der Disco-Besitzer Harald Behnke gibt eine geheime Erklärung ab. Mit einer Reihe komplizierter Verträge soll
verhindert werden, dass seine Noch-Frau, die zu diesem Zeitpunkt als Köchin in Hamburg arbeitet, an die
200 000 Mark kommt, mit denen Lienau sich ins Jingle eingekauft hat.

19. Mai 1984, Pinneberg:
Lienau fährt mit seiner Freundin Maren B. nach Ibiza. Er schenkt ihr Schmuck, redet auf Ibiza "nur beiläufig
über den Lottogewinn", wie Maren B. bei einer Vernehmung später angeben wird.

30. Mai 1984, Grenzübergang Chalampé-Neuenburg:
Bei der Rückreise über Frankreich nimmt Lienau den wenig genutzten Grenzübergang in Neuenburg am Rhein.
Er fährt ein Auto, das Harald Behnke gehört. An der Grenze wird der gefälschte Führerschein entdeckt. Die
Fingerabdrücke von Karl-Hinrich Lienau werden im Bundeskriminalamt registriert. Über sie wird der Tote aus
dem Fass ein halbes Jahr später identifiziert werden.Karl-Hinrich Lienau reist ohne Führerschein und mit Maren
B. weiter nach Würzburg ins Sauna-Paradies, ein Bordell. Zwei Tage, bis Anfang Juni, bleiben die beiden in
Würzburg, treffen auch Eddi wieder, der im Würzburg der achtziger Jahre zu den führenden Rotlichtgrößen zählt.
Eddi wird später auch Lienau in Pinneberg besuchen.

Juni 1984, Ontario, Kanada:
Lienau macht weitere Verschleierungs-Verträge über Konten, die er mit Geld füllt. Er reist mit einem bordeaux-
farbenen Aktenkoffer aus Leder mit Zahlenschloss. Darin: die Originaldokumente, und weitere Geheimverträge,
Abtretungserklärung, Versicherungspapiere, Generalvollmacht, Schlüssel für ein Motorboot in Kanada, Zertifikate,
einige Sparbücher, Bargeld und Besitzurkunden. Zurück in Pinneberg, legt Lienau den Koffer in ein Geheimversteck
neben seinem Bett im Jingle: In der Ecke des Raumes lässt sich der senffarbene Teppichboden anheben, unter einer herausnehmbaren Sperrholzplatte ist ein Fach für den Koffer. Seit dem Mord ist der Koffer verschwunden, wer ihn
oder die Originalunterlagen hat, gilt als dringend tatverdächtig. Von den Unterlagen tauchen jedoch nach dem Mord
Fotokopien in Schließfächern und bei "Bud" M. in Kanada auf.

Juli 1984, Pinneberg:
Lienau fliegt erster Klasse mit Maren B. für drei Wochen nach Kanada in den Sommerurlaub. Im August sollen sie
dort wilde Partys gefeiert haben. Nach Zeugenaussagen seien zu dem Zeitpunkt auch Eddi, Jan und Rainer dabei
gewesen, die angeblich von Maren B. über den Lottogewinn informiert wurden. Es heißt, dass die drei an das Geld
von Karl-Hinrich Lienau wollten. Einer von ihnen wird später mit internationalem Haftbefehl wegen Erpressung
gesucht, er hatte sich schon im Juni beim Einwohneramt "nach Übersee" abgemeldet. Trotzdem bleibt diese Seite
des Mordfalles im Dunkeln. Der verantwortliche Oberstaatsanwalt Peter Schwien sagt später: "Rotlicht schweigt."

7. November 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle:
Der Taxifahrer Oskar H. ist der letzte Zeuge, der Karl-Hinrich Lienau lebend sieht. Er unterhält sich mit ihm bis
2.15 Uhr. Danach, irgendwann in dieser Nacht, wird Lienau getötet. Der erste Schuss traf von hinten den Kopf,
tödlich. Ein zweiter Schuss ging von hinten durch die Lunge; die Kugel vom Kaliber 7.65, sechs Züge Rechtsdrall,
blieb im Schlips stecken. Eine dritte Kugel zerriss auf drei Zentimeter die große Körperschlagader. Außerdem wurde
der Schädel mit vier schweren Schlägen zertrümmert. Möglicherweise schlugen die Mörder mit der 15 Kilo schweren,
türkisblauen Hantelscheibe zu, die im Fass gefunden wurde. Aufschrift: "City-Studio". Solche Hanteln lagen auch in der
Eimsbütteler Tangun-Sportschule, in der Peter Mertens (damals 35 Jahre alt, Name geändert) Taekwondo trainierte.
Seit 1978 arbeitet er als Türsteher im Jingle, gilt als rechte Hand und bester Freund von Harald Behnke, übernachtet
ab und zu unterm Dach im Matratzenlager.

8. November 1984, Hamburg, Berzeliusstraße 45, Großhandel für Fässer, Kanister und Fasszubehör, 9.35 Uhr:
Zwei 30 bis 35 Jahre alte Männer kommen zu Fuß auf das Gelände und suchen sich ein sogenanntes Überfass aus.
Dieses Fass ist größer und wesentlich teurer als eine Regentonne und wird vorwiegend von der Feuerwehr und der
Polizei genutzt, zum Beispiel zum Transport von Flüssigkeiten. Mit einem Spannring ist der Deckel zu verschließen.
Die Männer lehnen ein Angebot des Verkäufers, das Auto zum Abtransport aufs Firmengelände zu holen, ab. Sie
zahlen 191,52 Mark, geben eine falsche Adresse an und tragen das Fass weg.Der größere (1,90 Meter) von beiden
trägt eine beige Bundlederjacke, hat einen Mullverband an der linken Hand. Der kleinere (1,75 Meter) trägt einen
Vollbart. Ermittler vermuten, dass beide sichmit Perücken und falschem Bart getarnt haben. Nach der Beschreibung
könnten Harald Behnke und Peter Mertens die Gesuchten sein. Bei einer Gegenüberstellung erkennt der Fassverkäufer
die beiden Verdächtigen nicht wieder. Die Polizei findet keinen einzigen Zeugen für die Nacht vom 7. November bis
zum Fund des Fasses am 9. November. Eine Lücke von 36 Stunden. Bis heute weiß keiner, wo Lienau erschossen
wurde, wie seine Leiche in das Fass gelangte und wie das 235 Kilo schwere Fass im Barmbeker Kanal landete.
Die Story einer Zeitung über die letzten Stunden des Mordopfers erweist sich als komplett falsch.

8. November 1984, Diskothek Jingle:
Nach Mitternacht kommt Maren B. ins Jingle, fragt nach Lienau, bleibt bis 3.30 Uhr. Später erzählt sie, die Tür oben
zur Wohnung ihres Freundes sei verschlossen gewesen. Erst Stunden später habe Harald Behnke sie reingelassen.
Alles sei unordentlich gewesen; Koffer nicht im Versteck, die Hausschuhe nicht wie immer korrekt auf dem Versteck,
das Bett ungemacht. Im Bad stand Lienaus Nasenspray, ohne das er nie aus dem Haus ging.

9. November 1984, Osterbekkanal: Ein Fass auf dem Osterbekkanal:
Ein Zeuge sieht nachts um 4.50 Uhr ein treibendes Fass auf dem Osterbekkanal in Höhe Hufnerstraße. Um 10.15 Uhr
entdeckt ein Polizist das Fass unter einer Trauerweide. Ein Alsterabfischer bringt es zur nahen Bootswerft. Der Deckel
wird geöffnet, ein Paket, das an eine Made erinnert, herausgeholt. Beim Öffnen kommt ein Schenkel zum Vorschein.

Bild nicht mehr vorhandenBeamte von Kripo, Spurensicherung und Wasserschutzpolizei widmen sich einem geborgenen Fass. Darin befindet sich
in einem Müllsack die Leiche von Karl-Hinrich Lienau (✝37). Die Täter werden nie gefasst. Foto: Thomas Hirschbiegel
http://www.mopo.de/hamburg/polizei/einb ... n-23196658

9. November 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle:
Die Identität des Toten ist noch nicht bekannt. Im Jingle sind die Außenjalousien runtergelassen. Lienaus Tochter,
damals 20 Jahre alt, kommt als Aushilfskellnerin um 19.30 Uhr, geht eine Stunde später hoch, um ihren Vater zu
begrüßen. Die Tür ist unverschlossen, und keiner ist da. Später ist sie verschlossen. Sie wundert sich auch, dass
im Gang nach oben zum Zimmer ihres Vaters ein Rollo bei einem Fenster runtergelassen ist, das war noch nie so.

9. November 1984, Hamburg, Wieckstraße 37, Sportschule Tangun:
Der Eigentümer entdeckt, dass zwei türkisblaue Hantelscheiben mit dem Aufdruck "City-Studio" fehlen, was er sich
nicht erklären kann. In diesem Studio arbeitet auch Peter Mertens. Allerdings waren die Hantelscheiben bis 1976
auch über ein Münchner Kaufhaus in ganz Deutschland vertrieben worden.

19. November, Pinneberg, Stadtfriedhof, 11 Uhr:
Hundert Verwandte, Freunde und Bekannte geben Karl-Hinrich Lienau das letzte Geleit. Kripobeamte fotografieren
die Gäste.

20. November 1984, Barmbek:
10.000 Mark Belohnung werden in einem Flugblatt ausgelobt, das die Polizei in Barmbek verteilt. Sie fragt besonders
nach dem Fass. Vermutlich sei es östlich der Bramfelder Brücke in den Osterbekkanal "geworfen" worden. Spätere Phantomzeichnungen zeigen zwei Männer, von denen einer Peter Mertens sehr ähnlich sieht. Im Flugblatt eingekreist
ist der Osterbekkanal östlich der Bramfelder Brücke. Diese führt dort über die laute siebenspurige Bundesstraße 434
und liegt wenige Hundert Meter vom Fundort des Fasses entfernt. Im eingekreisten Gebiet soll nach Einschätzung der
Polizei das Fass in den Kanal gekommen sein.Die Ermittler sind sich sicher, dass Karl-Hinrich Lienau im Kreis Pinneberg
erschossen und ins Fass gesteckt wurde. Das Fass musste dann 22 Kilometer nach Barmbek geschafft werden. Wie
viele Männer sind nötig, um ein 235 Kilo schweres Fass zu transportieren?

Ende November 1984, Hamburg, Rathausstraße 2, Bank of Canada:
Harald Behnke erscheint, möchte ein Konto einrichten, weil er eine größere Summe von seinem Bruder aus Kanada
erwarte. Doch die Bank führt keine Währungskonten. Harald Behnke geht und kommt nicht wieder. Mord verjährt nicht.

7. Januar 1985, Staatsanwaltschaft Hamburg:
Der Antrag auf Haftbefehl wegen Mordes aus Habgier gegen Mertens und Behnke geht ans Gericht. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ist sicher, dass Lienau das Jingle nur unter Zwang verließ oder tot herausgeschafft wurde. Es sei
eindeutig, dass er am 7. November die Wohnung im Jingle nicht verlassen wollte. Die Täter hätten den Rasierer und
Mantel entfernt, um den Eindruck zu erwecken, ihr Opfer sei verreist. Der Verdacht fällt auch deswegen auf Behnke
und Mertens, weil im Jingle Rollenhandtücher, Zement und Sand gefunden werden und beide kein Alibi haben.

15. Januar 1985, Hamburg:
Das Gericht lehnt den Haftbefehl ab. Die Anhaltspunkte seien zu schwach, es fehlen Tatspuren und Indizien, und zum
Beispiel, dass das Handtuch wirklich aus dem Jingle stammt.

Anfang Oktober 1985, Pinneberg:
Das von Lienau angelegte Geld geht zum großen Teil an seine Gläubiger und der geringe Rest geht an seine Kinder.
Das Ehepaar Lienau hatte Gütertrennung vereinbart. Lienaus Ex-Frau erbt nach der beantragten Scheidung nichts.
Der Kanadier "Bud" M. hat Fotokopien von Geheimverträgen gefunden und veranlasst, das Geld zurückzusenden.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Mörder ihr Ziel, an das heimliche Lottogeld zu kommen, nicht erreicht haben.
Sie sind nach wie vor davon überzeugt, dass Mertens und Behnke den Mord begangen haben. 30 Jahre lang werden
sie den Fall Lienau immer wieder neu prüfen. Immer vergebens. Danke für ihr Interesse - Ihr Matthias Rebaschus.

16. Januar 2015, Hamburg, Hotel Steigenberger: Matthias Rebaschus und Oberstaatsanwalt a.D. Peter Schwien:
Sieben Mal war ich inzwischen im Keller der Staatsanwaltschaft, habe alle Akten zwei Mal gelesen, fast vollständig
in meine Notizbücher übertragen. Ich habe das Leben des Karl-Hinrich Lienau in den letzten Monaten jetzt sehr gut
kennengelernt, habe das Gefühl, ihm ein wenig nähergekommen zu sein, diesem Mann auf der Suche nach seinem
Nervenkitzel und Freiheit. Und ich habe unzählige Fakten über seinen Tod. Nur: keine Interpretation. Ich möchte
deshalb noch einmal mit dem damals zuständigen Staatsanwalt sprechen, will wissen, was einer wie er, heute und
30 Jahre später, über den Fall denkt.

Peter Schwien sagt, auf Facebook würde ich sein Bild finden, um ihn zu erkennen. Ich freue mich auf diesen mutigen Oberstaatsanwalt außer Diensten, Hamburger Staatsanwälte sind sonst extrem verschlossen. Schwien ist ein ruhiger
Mann, 19 Jahre lang hat er in der Hamburger Staatsanwaltschaft Großverfahren bearbeitet. Bis zu seiner Pension
waren es rund 400; an den Fall des "Fasstoten" erinnert er sich gut: "Einen Mordfall mit so wenigen handfesten
Beweisen habe ich noch nie gesehen", sagt er im Hotel Steigenberger, wo wir uns verabredet haben.

Im Haus der damals Beschuldigten fanden sich Zement, Sand, Blutflecken, Kabel, Schnüre und Handtuchrollen.
"All das sah genauso aus wie das, was beim Opfer im Fass gefunden wurde. Doch die Untersuchung ergab keine
einzige Übereinstimmung. Es passte nichts überein!" Als wir uns verabschieden, sagt Schwien: "Es erscheint wie ein
perfekter Mord – aus Zufall." Frühestens im Jahr 2034 können die Ermittlungsunterlagen und Beweisstücke vernichtet
werden. Die vermeintlichen Täter wären dann über 90 Jahre alt. Kommendes Jahr wird der Mordfall des Fasstoten,
wie alle paar Jahre, neu geprüft werden. Ermittler hoffen immer noch auf Hinweise. 040/42 86-567 89 – das ist die
Nummer des Hamburger Landeskriminalamtes. Man kann auch anonym anrufen. Denn Mord verjährt nicht oder nie.

Sehen Sie dazu das Video aus XY vom 25.10.1985:


XY: Herr Karl-Hinrich Lienau @ 1985
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